Metamorphosen

Ernst Stadler

1914

Erst war grenzenloser Durst, ausholend Glück, schamvolles Sichbeschauen,

Abends in der Jungenstube, wenn die Lampe ausgieng, Zärtlichkeiten überschwänglich hingeströmt an traumerschaffne Frauen,

Verzückte Worte ins Leere gesprochen und im Blut der irre Brand –

Bis man sich eines Nachts in einem schalen Zimmer wiederfand,

Stöhnend, dumpf, und seine Sehnsucht über einen trüben, eingesunknen Körper leerte,

Sich auf die Zähne biß und wußte: dieses sei das Leben, dem man sich bekehrte.

Ein ganzer blondverklärter Knabenhimmel stand in Flammen –

Damals stürzte Göttliches zusammen . .

Aber Seele hüllte gütig enge Kammer, welken Leib und Scham und Ekel ein,

Und niemals wieder war Liebe so sanft, demütig und rein,

So voller Musik wie da . . .

Dann sind Jahre hingegangen und haben ihren Zoll gezahlt.

Aus ihrem Fluß manch’ eine Liebesstunde wie eine Mondwelle aufstrahlt.

Aber Wunder wich zurück, wie schöne hohe Kirchen Sommers vor der Dämmerung in die Schatten weichen.

Eine Goldspur wehte übern Abendhimmel hin: nichts konnte sie erreichen.

Seele blieb verlassen, Sehnsucht kam mit leeren Armen heim, so oft ich sie hinausgeschickt,

Wenn ich im Dunkel nach Erfüllung rang, in Hauch und Haar geliebter Frau’n verstrickt.

Denn immer griffen meine Hände nach dem fernen bunten Ding,

Das einmal über meinem Knabenhimmel hieng.

Und immer rief mein Kiel nach Sturm – doch jeder Sturm hat mich ans Land geschwemmt,

Sterne brachen, und die Flut zerfiel, in Schlick und Sand verschlämmt . . .

Daran mußt’ ich heute denken, und es fiel mir ein,

Daß alles das umsonst, und daß es anders müsse sein,

Und daß vielleicht die Liebe nichts als schweigen,

Mit einer Frau am Meeresufer stehn und durch die Dünen horchen, wie von fern die Wasser steigen.

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Illustration zu Metamorphosen

Interpretation

Das Gedicht "Metamorphosen" von Ernst Stadler beschreibt die Entwicklung und Veränderung der Liebe im Leben des lyrischen Ichs. Es beginnt mit einer leidenschaftlichen, fast besessenen Phase der Liebe, in der das Ich von unersättlichem Verlangen und Verzückung getrieben wird. Diese Phase wird als intensiv und fast schmerzhaft beschrieben, mit einem Gefühl der Scham und des Ekels. Dann folgt eine Phase der Ernüchterung und Enttäuschung, in der die Liebe ihre Unschuld und Reinheit verliert. Das Ich fühlt sich verlassen und sehnsüchtig, immer auf der Suche nach etwas, das es nicht erreichen kann. Die Jahre vergehen, und die Liebe wird zu einer Erinnerung an vergangene Glücksmomente, die wie "Mondwellen" aufstrahlen, aber nicht mehr dieselbe Intensität haben. Am Ende des Gedichts scheint das Ich zu einer neuen Erkenntnis zu gelangen. Es erkennt, dass die bisherige Art der Liebe vergeblich war und dass es eine andere, möglicherweise tiefere Form der Liebe geben muss. Diese neue Form der Liebe wird als stilles, geduldiges Warten beschrieben, bei dem man einfach zusammen ist und auf die Natur hört. Es ist eine Art von Liebe, die nicht mehr von Verlangen und Leidenschaft getrieben ist, sondern von einer tiefen Verbundenheit und Ruhe.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
Sterne brachen, und die Flut zerfiel
Personifikation
Sehnsucht kam mit leeren Armen heim
Symbolik
das ferne bunte Ding, das einmal über meinem Knabenhimmel hing
Vergleich
wie eine Mondwelle aufstrahlt