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Meta und der Finkenschafter

Von

Herr Kunze stand als Hausverwalter
in Lohn bei einem Häuserwirt,
und seine Tochter in dem Alter,
wo so ein Mädchen liebend wird.

Er war ein Witmann, sie war Waise,
seitdem Frau Kunze jüngst entschlief;
sie teilten sich ihr Amt, wenn leise
des Nachts des Hauses Klingel rief.

Doch nach und nach ergab Herr Kunze
sein Witwerherz dem Alkohol
und überließ die Pförtnerfunze
der Tochter samt des Hauses Wohl.

Er schlief so fest als wie ein Igel;
doch Meta, denn so hieß das Kind,
schob treu besorgt des Tores Riegel
für Herrschaft sowie Hausgesind.

Erst fünfzehn und noch unerfahren
erwuchs sie neben dem Portal.
Herr Kunze meint: in ihren Jahren
hat′s Zeit noch, sie erfährt′s schon mal.

Und sie erfuhr′s nur wenig später,
und, wie so oft, auf schlimme Art.
Die Mütter sterben, und die Väter
versaufen Pflicht und Gegenwart.

Es wohnte dort in Aftermiete
im Bodenstübchen ein Student –
ein Finkenschafter, Halbsemite,
rothaarig, mit Kritiktalent.

Der hatte einmal schon beim Scheuern
das gute Mädchen angegrinst.
Doch deucht ihn, nächstens zu erneuern
die Freundlichkeiten, sei Gewinnst.

Nun hatt er freilich zu dem Schlosse
den Schlüssel, so wie jedermann als
zahlungsfähiger Hausgenosse
ein solches Möbel fordern kann.

Doch einst in seines Nachttischs Lade
vergaß er ihn mit Vorbedacht,
trank mit den Finken Limonade
und redete die halbe Nacht.

Er sprach von den sozialen Pflichten,
verwarf den Zweikampf voller Hohn,
und ihm begeistert beizupflichten,
versäumte kein Kommiliton.

Dann trennt man sich mit Händedrücken,
auch unser Studio ging nach Haus,
und unterwegs sann er die Tücken,
die ihn beseelten, einzeln aus.

Dann riß er an des Hauses Glocke
um fünf Minuten nach halb drei,
und Meta kam im Unterrocke,
zu sehn, wer es so spät noch sei.

„Verzeihn Sie“, so begann der Bube,
„die Störung, teuerste Mamsell.
Denn ich vergaß in meiner Stube
versehentlich den Hausschlüssell.“

Und während er die Zähne fletschte
aus falscher Liebenswürdigkeit,
nahm er den rechten Arm und quetschte
ihn um den Leib der jungen Maid.

Zwar wehrte sie sich erst des Bösen,
doch zog er ein Fünfmarkstück vor,
begann ihr vorn das Hemd zu lösen
und küßte sie aufs linke Ohr.

Nun könnte man mit Recht erwarten,
er trüg sie in sein Kabinett.
Spielt dort sein Spiel mit offnen Karten,
ein ehrlich Liebesspiel im Bett.

Dann hätte sie mit fünfzehn Jahren
geliebt, und das ist nicht zu jung,
und tät ihm ewiglich bewahren
die dankbarste Erinnerung.

Jedoch der rote Finkenschafter
zog sie im Hausflur nackend aus
und riß aus einem Brennholz-Klafter,
der dalag, einen Scheit heraus.

Den ließ er lichterloh entflammen,
und selbst entblößt – so gut wie ganz –
vollführt er mit dem Kind zusammen
um diese Fackel einen Tanz.

Dann rief er aus: „Ist dieser Fetisch
nicht edler als die Sinnenlust?
Mein Kind, o bleibe stets ästhetisch!“ –
Und griff ihr an die weiße Brust.

Und ohne ihr Gefühl zu kennen,
löscht er die Glut, die er entfacht,
ließ nur den Scheit zu Ende brennen
und wünscht ihr trocken gute Nacht.

Doch Meta blieb zurück und weinte
und staunte dessen, was sie sah;
sie wußte nichts, wiewohl sie meinte,
daß nicht genug mit ihr geschah.

Dann nahm sie ihre paar Gewänder
und ging zu Bett, doch schlief sie nicht.
Sie dachte nur an ihren Schänder
und an sein rotes Bocksgesicht.

Besudelt blieb ihr ganzes Leben,
vergiftet war ihr reiner Sinn,
sie wollt sich nur ästhetisch geben
und wurde Frauenrechtlerin.

Nur einmal hatte sie für Liebe
fünf kümmerliche Mark erwischt,
doch waren dabei ihre Triebe
mit dem Scheit Holze aufgezischt.

O kommt mir nicht mit euerm keuschen
ästhetisch lüsternen Gegrein.
Ein liebes Mädchen zu enttäuschen,
vermag in Wahrheit nur ein Schwein.

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Meta und der Finkenschafter von Erich Kurt Mühsam

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Meta und der Finkenschafter“ von Erich Mühsam erzählt eine bittere Geschichte über Ausbeutung, Missbrauch und die Zerstörung der Unschuld. Das Gedicht beginnt mit der Beschreibung der jungen Meta, der Tochter des Hausverwalters, die in einem Umfeld der Armut und Vernachlässigung aufwächst. Ihr Vater, ein Witwer, verfällt dem Alkohol, wodurch Meta die Verantwortung für das Haus und seine Bewohner übernimmt.

Die Handlung nimmt eine dramatische Wendung, als ein rothaariger Student, ein „Finkenschafter“, in Metas Leben tritt. Er missbraucht Metas Vertrauen und ihre Unerfahrenheit auf perfide Weise. Er entlockt ihr mit vorgeblicher Freundlichkeit den Hausschlüssel und nutzt die Situation in einer Nacht, um sie zu verführen. Doch statt Liebe oder Leidenschaft erlebt Meta eine Erniedrigung, die jegliche Vorstellungskraft übersteigt. Der Student missbraucht sie auf brutale Weise und beruft sich dabei auf „Ästhetik“ und „Sinnenlust“.

Mühsam kritisiert in diesem Gedicht die Doppelmoral und die Scheinheiligkeit der Gesellschaft. Der Student, ein Vertreter der intellektuellen Elite, verbirgt hinter seinen Worten von „sozialen Pflichten“ und „Ästhetik“ seine rohe Gewalt und seinen zynischen Umgang mit der jungen Frau. Das Gedicht prangert die Entmenschlichung und die sexuelle Ausbeutung an, die in der Gesellschaft stattfindet. Meta wird zum Opfer eines krassen Machtmissbrauchs, der sie traumatisiert und ihr weiteres Leben prägt.

Das Gedicht endet mit Metas Verzweiflung und dem Verlust ihrer Unschuld. Sie wird in ihren Gefühlen verletzt und bleibt allein mit dem Schmerz zurück. Die Ironie des Titels und der Verwendung des Begriffs „Ästhetik“ verstärken die Kritik an einer Gesellschaft, die Werte wie Moral und Anstand oft nur als Fassade benutzt. Das Gedicht ist eine Anklage gegen soziale Ungerechtigkeit, sexuelle Gewalt und die Zerstörung der Unschuld durch einen heuchlerischen und unmenschlichen Umgang.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.