Merlin

Elisabeth Fuhrmann-Paulsen

unknown

Seine Mutter war ein Königskind. Sie hatte Flechten, ährenschwer, ihr Auge war voll Aufbegehr, und dennoch oft von Tränen blind.

Der Vater war ein böser Mann. Sein Anblick tat der Mutter weh. Vor seinem Schritt erschrak sie jäh. Sie sah ihn niemals lächelnd an.

Dies Elternpaar begriff er nicht, wie Zart und Rau sich so gepaart, und in des Vaters Gegenwart mied er der Mutter Angesicht,

das so verdunkelt und entstellt ihm Folter war und Seelenpein, weil es ihm heilig schien und rein, wie sonst nichts auf der Welt.

Er selbst war sehr geheimnisvoll und schön. Ein Knabe noch, braute er schon Getränke, die schimmerten smaragdgrün und tiefblau, vielfarbiger als Weine in der Schenke.

Er sann des Nachts und schlief am Tage ein unter dem Rauschduft seltsamer Gerüche. Im Mischkrug brodelte ein giftiger Wein, der Knabe schaute dann Gesichte:

Geister der Luft umfächelten ihm kühl die heißen Schläfen, und den giftigen Brodem, der ihn ersticken wollte, schickten sie nach oben.

Wie kam es nur, er fuhr aus wildem Traum, dass ihm das Feuer nie ein Glied versehrte, das sonst in Flammenwollust stets nach Raub begehrte - wie nah er auch am Kohlenbecken schlief?

Die Gase selbst, tödlich mit jedem Hauch, sah er in Wölkchen über sich zerstieben. Da schrie er auf: Du Eblis bist mein Herr, mein Name ist ins Zauberbuch geschrieben!

Der Zauberer im Märchen bin ich selbst. Er machte Licht und hob die Kerze hoch. Sein Spiegelbild war klar und hell und mutig, und nichts daran war unhold oder wild.

Er sah sich um. Kein Dämon trat hervor und bot ihm Dienste an mit bitterbösem Lachen. Da sprach der Knabe: Diesen Zaubererberuf, weil ich nicht lichtscheu bin, will ich nun ehrlich machen.

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Illustration zu Merlin

Interpretation

Das Gedicht "Merlin" von Elisabeth Fuhrmann-Paulsen erzählt die Geschichte des legendären Zauberers Merlin, beginnend mit seiner Herkunft und Kindheit. Die erste Strophe beschreibt seine Eltern: eine königliche Mutter mit widersprüchlichen Zügen, voller Aufbegehren, aber oft von Tränen geblendet, und einen bösen Vater, dessen Anblick ihr Schmerz bereitete. Der junge Merlin versteht nicht, wie sich diese beiden so verschiedenartigen Menschen gepaart haben, und meidet in Gegenwart des Vaters den Anblick der Mutter, deren entstelltes Gesicht für ihn eine Quelle von Qual und Pein ist, da er es als heilig und rein empfindet. Die zweite Strophe porträtiert Merlin als geheimnisvollen und schönen Jungen, der bereits in jungen Jahren magische Tränke braut, die in faszinierenden Farben schimmern. Er verbringt die Nächte mit Nachsinnen und schläft tagsüber unter dem Rauschduft seltsamer Gerüche. In seinen Visionen erscheinen Geister der Luft, die ihn vor giftigen Dämpfen schützen. Er ist unversehrt von Feuer und unempfindlich gegen tödliche Gase, was er als Zeichen deutet, dass er vom Dämon Eblis auserwählt und in das Zauberbuch geschrieben wurde. Die dritte Strophe offenbart Merlins Selbstbewusstsein und Entschlossenheit. Er sieht sich selbst als den Zauberer aus dem Märchen, betrachtet sein klares und mutiges Spiegelbild und stellt fest, dass nichts daran unhold oder wild ist. Als kein Dämon erscheint, um ihm mit bösem Lachen Dienste anzubieten, beschließt der Junge, den Beruf des Zauberers aufrichtig und ohne Scheu vor dem Licht auszuüben.

Schlüsselwörter

mutter sah selbst knabe sonst schlief königskind flechten

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Flechten, ährenschwer
Bildsprache
Getränke, die schimmerten smaragdgrün und tiefblau
Hyperbel
dem Rauschduft seltsamer Gerüche
Metapher
Seine Mutter war ein Königskind.
Personifikation
Geister der Luft umfächelten ihm kühl die heißen Schläfen
Symbolik
Kohlenbecken
Vergleich
Sein Spiegelbild war klar und hell und mutig, und nichts daran war unhold oder wild