Menschenwerth
unbekanntGott, dessen Webekunst die Lydier beschämet, Vor der Minervens Hand nur Spinnenweben macht, Hat, als er ′s Himmels Tuch mit Sternen übersämet, Zwar solche Bildungen in sein Geweb′ gebracht, Die kein Phönizier hat jemals nachgesticket, Die kein Chäldäer kennt, kein Zeuxis malen kann; Er hat auch das Gewand der Erde so geschmücket, Daß Augen und Vernunft es sehn erstarrend an. Allein sein Meisterstück übt unsers Künstlers Güte, Wenn er im Mutterleib′ uns Menschen webet aus, Wenn er im schönen Leib wirkt ein verschmitzt Gemüthe Und die so große Welt bringt in dies kleine Haus. Der Adern Fäden und die Bänder der Gebeine, Des Fleisches zartes Garn, der Umschlag unsrer Haut Sind, wie Tapezerei voll Perl′ und Edelsteine, Vereinbart, daß Gott selbst Lust an dem Werke schaut. An diesem Teppiche des schönen Leibes findet Der Mensch Nichts, was von ihm noch auszumachen sei; Denn was nach der Geburt den Gliedern noch erwindet, Das setzt Zeit und Natur, des Schöpfers Dienstmagd, bei. Allein dem andern Blatt an diesem Kunstgewebe, Der Seele, pflanzet Gott nur das Vermögen ein, Daß sie durch eigne Müh′ sich Werth und Güte gebe, Und heißt des Menschen Geist selbst seiner Schöpfer sein. Damit der Mensch auch weiß, was er für Bilder sticken Soll in das ihm von Gott so schön gewebte Tuch, So läßt er die Vernunft mit ihren Augen blicken In ′n Spiegel seines Worts, in der Natur ihr Buch. In beiden aber steht Gott selber abgemalet, Nach dem sein Ebenbild, der Mensch, sich bilden soll. Wer mit dem Schatten nun nur dieses Bildes prahlet, In ein vollkommen Werk, gefällt dem Höchsten wohl. Der große Gott verschmäht Apellens große Künste, Das Thun des Phidias, Gold, Marmor, Elfenbein Und das in Purpurblut getauchte Wurmgespinnste, Weil er in ′s Menschen Geist nur will gepräget sein. Den aber prägt der Mensch, wenn er die Tugend übet, Durch Andacht sich zu Gott zu schwingen ist bemüht, Nach Wissenschaften strebt, die Weisheit herzlich liebet; Denn dies macht zwischen Mensch und Vieh den Unterschied. Durch dieses kann ein Mensch ein Halbgott hier auf Erden, Des Vaterlandes Licht, ein Pfeiler seiner Stadt, Ein Schutzbild eines Volks, der Nachwelt Vorbild werden, Nach dessen Muster sie sich nachzumalen hat.
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Interpretation
Das Gedicht "Menschenwerth" von Daniel Caspar von Lohenstein beschäftigt sich mit der Einzigartigkeit und dem Wert des Menschen als Gottes Meisterwerk. Der Dichter preist die Schöpfung des Menschen als ein Werk von unübertroffener Schönheit und Komplexität, das selbst Gott selbst Freude bereitet. Er betont, dass der menschliche Körper ein kunstvolles Gewebe ist, das mit großer Sorgfalt und Liebe zum Detail geschaffen wurde. Lohenstein lenkt den Fokus auf die Seele als das eigentliche Meisterwerk des Menschen. Er beschreibt die Seele als ein "anderes Blatt" des menschlichen Gewebes, das Gott mit dem Vermögen ausstattet, durch eigene Anstrengung Wert und Güte zu erlangen. Der Mensch wird als sein eigener Schöpfer bezeichnet, da er durch Tugend, Andacht, Wissenschaften und Weisheit seinen Geist prägt und sich nach dem Ebenbild Gottes formt. Das Gedicht endet mit der Idee, dass der Mensch durch seine geistigen und moralischen Fähigkeiten ein Halbgott auf Erden werden kann. Er kann zum Licht seines Vaterlandes, zum Pfeiler seiner Stadt, zum Schutzbild eines Volkes und zum Vorbild für zukünftige Generationen werden. Lohenstein betont, dass der Mensch durch seine einzigartigen Fähigkeiten den Unterschied zwischen Mensch und Tier ausmacht und somit einen hohen Wert und eine große Verantwortung in der Welt trägt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- Den aber prägt der Mensch
- Enjambement
- Ein Schutzbild eines Volks, der Nachwelt Vorbild werden, Nach dessen Muster sie sich nachzumalen hat
- Hyperbel
- große Welt bringt in dieses kleine Haus
- Metapher
- Nachwelt Vorbild
- Personifikation
- Zeit und Natur, des Schöpfers Dienstmagd