Melusinens Lied
1877O, Guy von Lusignan, ich seh dirs an, unglücklich willst du werden! Was willst du, Mann, du willst von mir, was ich nicht geben kann!
Ich fasse die Beschwerden, die unheilbaren, nicht, davon du brennst… nur die Gebärden seh ich, sonst nichts, untröstlich Kind der Erden!
Ich bin, wie du mich kennst: das lebt nicht hinter mir, wonach du lüstest: Wenn du begännst danach zu greifen, griffest du Gespenst!
Kein Weg, bei mir zu stehen, ging tiefer als durch Wonnen Mund auf Mund - ins Tiefre gehen nur Stürze tauben Steins in meine Seen -
dass michs noch einmal triebe zu dir! Da warst du froh und rot und rein: nun bist du Stein, nun bist du weiß wie Lein, weil du mich liebst -; und weil ich dich nicht liebe. -
O, Guy von Lusignan, ich seh dirs an, du schluchzest in der Kehle! Geh beichten, Mann! Ich hab es nicht, was dich getrösten kann!
Gleich einem Meerjuwele fischtest du mich zu dir, und ich gewann dich frischen Brand in meinen kalten Bann - mehr weiß ich nicht: was frommt, dass ich mich quäle?
O, Guy von Lusignan, ich gebs je keinem, was ich von dir hehle! Nur Mund und Leib will ich an jeden Mann verschenken, dass er mir von dir erzähle!
Vielleicht, es spürts kein andrer, was mir fehle? Ein Fischer nicht? Dein Jäger nicht im Tann – o, Guy von Lusignan - stirb nicht daran; ich habe keine Seele.
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Interpretation
Das Gedicht "Melusinens Lied" von Rudolf Borchardt handelt von der mythischen Wassernixe Melusine, die den Ritter Guy von Lusignan anzieht, aber ihm keine Liebe geben kann. Melusine ist ein übernatürliches Wesen ohne Seele, das nur körperliche Lust empfinden kann. Melusine warnt Guy, dass er unglücklich werden wird, wenn er von ihr mehr als nur körperliche Liebe will. Sie kann seine tieferen Sehnsüchte und Beschwerden nicht verstehen, sondern nur seine äußeren Gebärden sehen. Wenn Guy nach mehr greift, als Melusine geben kann, wird er nur ein Gespenst in ihrer Welt fassen. Melusine erklärt, dass der einzige Weg, bei ihr zu sein, durch leidenschaftliche Umarmungen führt, die wie Stürze in ihre kalten Seen sind. Sie trieb Guy einmal zu sich, und er war glücklich, aber nun ist er wie Stein, weil er sie liebt, während sie ihn nicht lieben kann. Melusine rät Guy, sich zu beichten und zu akzeptieren, dass sie ihm keinen Trost geben kann. Am Ende gesteht Melusine, dass sie das, was sie von Guy begehrt, keinem anderen geben kann. Sie will nur körperliche Liebe mit vielen Männern haben, damit sie von Guy erzählen. Melusine fragt sich, ob andere spüren, was ihr fehlt, und ob Guy's Fischer oder Jäger es wissen. Sie bittet Guy, nicht an ihr zu sterben, da sie keine Seele hat und ihm keine wahre Liebe geben kann.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- O, Guy von Lusignan
- Hyperbel
- Nur Mund und Leib will ich an jeden Mann verschenken
- Kontrast
- frischen Brand in meinen kalten Bann
- Metapher
- nun bist du Stein, nun bist du weiß wie Lein
- Personifikation
- was frommt, dass ich mich quäle?
- Wiederholung
- O, Guy von Lusignan