Melancholie an Laura
1776Laura - Sonnenaufgangsglut Brennt in Deinen goldnen Blicken, In den Wangen springt purpurisch Blut, Deiner Tränen Perlenflut Nennt noch Mutter das Entzücken - Wem der schöne Tropfen taut, Wer darin Vergöttrung schaut, Ach dem Jüngling, der belohnet wimmert, Sonnen sind ihm aufgedämmert!
Deine Seele, gleich der Spiegelwolle, Silberklar und sonnenhelle, Maiet noch den trüben Herbst um Dich; Wüsten, öd′ und schauerlich, Lichten sich in Deiner Strahlenquelle; Düstrer Zukunft Nebelferne Goldet sich in Deinem Sterne; Lächelst Du der Reize Harmonie? Und ich weine über sie. -
Untergrub denn nicht der Erde Veste Lange schon das Reich der Nacht? Unsre stolz auftürmenden Paläste, Unsrer Städte majestät′sche Pracht Ruhen all′ auf modernden Gebeinen, Deine Nelken saugen süßen Duft Aus Verwesung; Deine Quellen weinen Aus dem Becken einer - Menschengruft.
Blick′ empor - die schwimmenden Planeten, Lass Dir, Laura, seine Welten reden! Unter ihrem Zirkel flohn Tausend bunte Lenze schon, Türmten tausend Throne sich, Heulten tausend Schlachten fürchterlich. In den eisernen Fluren Suche ihre Spuren! Früher, später reif zum Grab, Laufen, ach, die Räder ab An Planetenuhren.
Blinze dreimal - und der Sonnen Pracht Löscht im Meer der Totennacht! Frage mich, von wannen Deine Strahlen lodern! Prahlst Du mit des Auges Glut? Mit der Wangen frischem Purpurblut, Abgeborgt von mürben Modern? Wuchernd fürs geliehne Rot, Wuchernd, Mädchen, wird der Tod Schwere Zinsen fordern!
Rede, Mädchen, nicht dem Starken Hohn! Eine schönre Wangenröte Ist doch nur des Todes schönrer Thron; Hinter dieser blumigten Tapete Spannt den Bogen der Verderber schon - Glaub′ es - glaub′ es, Laura, Deinem Schwärmer: Nur der Tod ist′s, dem Dein schmachtend Auge winkt; Jeder Deiner Strahlenblicke trinkt Deines Lebens karges Lämpchen ärmer; Meine Pulse, prahlest Du, Hüpfen noch so jugendlich von dannen - Ach! Die Kreaturen des Tyrannen Schlagen tückisch der Verwesung zu.
Auseinander bläst der Tod geschwind Dieses Lächeln, wie der Wind Regenbogenfarbigtes Geschäume. Ewig fruchtlos suchst Du seine Spur; Aus dem Frühling der Natur, Aus dem Leben, wie aus seinem Keime, Wächst der ew′ge Würger nur.
Weh! Entblättert seh′ ich Deine Rosen liegen, Bleich erstorben Deinen süßen Mund, Deiner Wangen wallendes Rund Werden raue Winterstürme pflügen, Düstrer Jahre Nebelschein Wird der Jugend Silberquelle trüben, Dann wird Laura - Laura nicht mehr lieben; Laura nicht mehr liebenswürdig sein.
Mädchen - stark wie Eiche stehet noch Dein Dichter; Stumpf an meiner Jugend Felsenkraft Niederfällt des Totenspeeres Schaft, Meine Blicke brennend wie die Lichter Seines Himmels - feuriger mein Geist, Denn die Lichter seines ew′gen Himmels, Der im Meere eignen Weltgewimmels Felsen türmt und niederreißt; Kühn durchs Weltall steuern die Gedanken, Fürchten nichts - als seine Schranken.
Glühst Du, Laura? Schwillt die stolze Brust? Lern′ es, Mädchen, dieser Trank der Lust, Dieser Kelch, woraus mir Gottheit düftet - Laura - ist vergiftet! Unglückselig! Unglückselig! Die es wagen, Götterfunken aus dem Staub zu schlagen. Ach! Die kühnste Harmonie Wirft das Saitenspiel zu Trümmer, Und der lohe Ätherstrahl Genie Nährt sich nur vom Lebenslampenschimmer - Wegbetrogen von des Lebens Thron, Frohnt ihm jeder Wächter schon! Ach! Schon schwören sich, missbraucht zu frechen Flammen, Meine Geister wider mich zusammen! Lass - ich fühl′s - lass, Laura, noch zween kurze Lenze fliegen - und dies Moderhaus Wiegt sich schwankend über mir zum Sturze, Und in eignem Strahle lösch′ ich aus. - -
Weinst Du, Laura? - Träne, sei verneinet Die des Alters Straf-Los mir erweinet! Weg! Versiege, Träne, Sünderin! Laura will, dass meine Kraft entweiche, Dass ich zitternd unter dieser Sonne schleiche, Die des Jünglings Adlergang gesehn? - Dass des Busens lichte Himmelsflamme Mit erfrornem Herzen ich verdamme, Dass die Augen meines Geists verblinden, Dass ich fluche meinen schönsten Sünden? Nein! Versiege, Träne, Sünderin! - Brich die Blume in der schönsten Schöne, Lösch′, o Jüngling mit der Trauermiene, Meine Fackel weinend aus, Wie der Vorhang an der Trauerbühne Niederrauschet bei der schönsten Szene, Fliehn die Schatten - und noch schweigend horcht das Haus. -
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Interpretation
Das Gedicht "Melancholie an Laura" von Friedrich von Schiller ist ein tiefgründiges Werk, das die Vergänglichkeit des Lebens und die unausweichliche Natur des Todes thematisiert. Schiller verwendet Laura als Symbol für jugendliche Schönheit und Lebenskraft, die jedoch vergänglich sind. Die ersten Strophen beschreiben Lauras äußere Erscheinung in leuchtenden Farben, doch bereits hier klingt eine Ahnung der Vergänglichkeit durch. Die Perlen ihrer Tränen werden als "Mutter des Entzückens" bezeichnet, was darauf hindeutet, dass auch die Freude am Leben vergänglich ist. In den folgenden Versen vertieft Schiller die Metapher der Vergänglichkeit, indem er Lauras Seele als Spiegel beschreibt, der noch den "trüben Herbst" nicht erkennt. Die Natur um Laura herum, die sich in ihren Strahlen aufhellt, symbolisiert die vergängliche Schönheit des Lebens. Schiller verwendet Bilder von Städten, die auf vermoderten Gebeinen ruhen, und Blumen, die aus Verwesung wachsen, um die Unausweichlichkeit des Todes zu unterstreichen. Die Planeten und Welten, die im Laufe der Zeit entstanden und untergegangen sind, dienen als Mahnung an die Vergänglichkeit aller Dinge. Das Gedicht endet mit einer direkten Ansprache an Laura, in der Schiller sie vor der Vergänglichkeit warnt. Er beschreibt, wie der Tod die Schönheit und Jugend raubt und wie selbst die stärksten und kühnsten Geister dem Untergang geweiht sind. Die letzten Strophen sind ein Appell an Laura, die Vergänglichkeit zu erkennen und zu akzeptieren, bevor es zu spät ist. Die Tränen, die Laura vergießt, werden als Sünde bezeichnet, da sie die Kraft und den Mut des Jünglings schwächen. Schiller fordert Laura auf, die Blume in ihrer schönsten Blüte zu brechen, bevor der Tod sie nimmt, und vergleicht das Ende des Lebens mit dem Fallen des Vorhangs in einer Tragödie.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Hyperbel
- Sonnen sind ihm aufgedämmert
- Metapher
- schönsten Szene
- Personifikation
- Deiner Tränen Perlenflut Nennt noch Mutter das Entzücken
- Vergleich
- Deine Seele, gleich der Spiegelwolle