Melancholia
1919Das Auge, das sich in dem Graus verliert, Der langsam um den Erdball rast, Wird vor Entsetzen irre und gefriert, Wie wenn im Tod es brechend sich verglast.
Weh ohne Maß, ins unbegrenzte All Wie ein empörtes Meer hinausgeschnellt, Wo es mit millionenfachem Prall An starrer Luftschicht wesenlos zerschellt!
Das ist der Erbfluch unausrottbar zäh, Der das Geschlecht mit seinem Bann umfing, Als in verworrnem Urtrieb dumpf und jäh Zum ersten Mal sich Blut am Blut verging.
Aus euren Träumen wuchs der wilde Geist, Von Höllenlicht umlodert und umqualmt, Den mit verstörten Sinnen ihr umkreist, Und den ihr Gott nennt, weil er euch zermalmt.
Fühllos und ohne Ohr für euer Flehn, Tut er mit Tod und Grauen euch Bescheid Und lässt er ohne Ende blind geschehn, Dass ihr die Opferer und Opfer seid.
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Interpretation
Das Gedicht *Melancholia* von Hedwig Lachmann ist ein tiefgründiges und düsteres Werk, das die menschliche Existenz in einem universellen Kontext betrachtet. Es beginnt mit dem Bild eines Auges, das sich im Grauen verliert und vor Entsetzen erstarren muss. Dieses Auge, das den Erdball umkreist, symbolisiert die menschliche Wahrnehmung, die angesichts der Weite und des Schreckens der Welt überwältigt wird. Die Metapher des Erstarrens und des Zerspringens im Tod verdeutlicht die Hilflosigkeit und die Unfähigkeit des Menschen, das Unbegreifliche zu erfassen. Im zweiten Teil des Gedichts wird die unermessliche Trauer beschrieben, die sich wie ein empörtes Meer in das unendliche All ergießt. Diese Trauer prallt an der starren Luftschicht ab und zerschellt wesenlos, was die Nutzlosigkeit und die Isolation menschlicher Emotionen im Angesicht der kosmischen Leere unterstreicht. Das Bild des zerschellenden Meeres verdeutlicht die Zerbrechlichkeit und die Bedeutungslosigkeit menschlichen Leids im Universum. Der dritte Teil führt den "Erbfluch" ein, der das Geschlecht seit dem ersten Blutvergießen umfängt. Dieser Fluch symbolisiert die ewige Wiederkehr von Gewalt und Leid in der Menschheitsgeschichte. Die "wilden Geister", die aus den Träumen erwachsen und von "Höllenlicht" umgeben sind, repräsentieren die zerstörerischen Kräfte, die die Menschen umkreisen und als Gott verehren, weil sie sie zermalmen. Das Gedicht endet mit der Erkenntnis, dass dieser Geist ohne Mitgefühl oder Verständnis für menschliches Flehen ist und durch Tod und Grauen regiert. Die Menschen sind sowohl Opfer als auch Opferer, gefangen in einem endlosen Kreislauf des Leids, der ohne Ende blind weitergeht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Hyperbel
- Weh ohne Maß, ins unbegrenzte All
- Metapher
- Und lässt er ohne Ende blind geschehn, Dass ihr die Opferer und Opfer seid
- Personifikation
- Fühllos und ohne Ohr für euer Flehn
- Vergleich
- Wird vor Entsetzen irre und gefriert, Wie wenn im Tod es brechend sich verglast