Meine Zufriedenheit

Anna Louisa Karsch

1722

Des längst versöhnten Schicksals Schluß Heißt mich mein Brot so mühsam nicht gewinnen Als eine der Tirolerinnen, Die Haus an Haus besuchen muß.

Mein Finger zerrt an keinem Flachs, Nie wird an einem kümmerlichen Rocken Der weingewohnte Gaumen trocken, Nie schmilzt die Sonne mich wie Wachs.

Wenn der beflammte Sirius Den Schnitter brennt, den Wandrer müde machet, Dann sitz ich, wo die Freude lachet, Im Schatten und beim Überfluß!

O Freundin! wenn die Spinnerhand Mühselig zieht an baumgewachsner Wolle, Dann spiel ich meine leichte Rolle, Die oft des Kenners Beifall fand!

Was will ich mehr vom Gott Apoll Und von dem Vater aller Götter, Der Blitze schleudert und dem Wetter Gebietet, wenn’s uns weichen soll?

Nichts heisch ich, ob mir gleich das Ziel Des Lebens weiter hingegrenzet würde, Läßt nur bei meines Alters Bürde Apollo mir mein Saitenspiel!

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Illustration zu Meine Zufriedenheit

Interpretation

Das Gedicht "Meine Zufriedenheit" von Anna Louisa Karsch beschreibt das Glück und die Zufriedenheit der Sprecherin mit ihrem einfachen, aber erfüllten Leben. Sie vergleicht sich mit den hart arbeitenden Tirolerinnen, die von Haus zu Haus gehen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Im Gegensatz zu ihnen muss sie nicht mühsam an Flachs ziehen oder einen kümmerlichen Rocken spinnen, um sich zu ernähren. Ihr Leben ist geprägt von Muße und Überfluss, sie kann im Schatten sitzen und ihrem Hobby, dem Musizieren, nachgehen. Die Sprecherin drückt ihre Dankbarkeit gegenüber den Göttern aus, insbesondere gegenüber Apoll, dem Gott der Musik und der Künste. Sie fühlt sich von den Göttern gesegnet, da sie ihr Leben genießen und ihrer Leidenschaft, dem Saitenspiel, nachgehen kann. Sie bittet nicht um mehr, denn sie ist mit dem zufrieden, was sie hat. Selbst wenn ihr Leben noch weiter begrenzt würde, solange sie ihr Saitenspiel ausüben kann, wäre sie glücklich. Das Gedicht vermittelt eine positive Lebenseinstellung und die Wertschätzung der einfachen Freuden. Die Sprecherin findet Zufriedenheit in ihrer Kunst und in der Freiheit, die sie genießt. Sie erkennt die harte Arbeit anderer an, ist aber dankbar für ihr eigenes, weniger beschwerliches Leben. Die Zufriedenheit entsteht aus der Erfüllung durch die eigene Leidenschaft und der Dankbarkeit für das, was man hat, anstatt nach mehr zu streben.

Schlüsselwörter

haus nie längst versöhnten schicksals schluß heißt brot

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Stilmittel

Alliteration
Apollo mir mein Saitenspiel
Anapher
Nie wird an einem kümmerlichen Rocken / Nie schmilzt die Sonne mich wie Wachs
Hyperbel
Des längst versöhnten Schicksals Schluß
Metapher
O Freundin! wenn die Spinnerhand / Mühselig zieht an baumgewachsner Wolle
Personifikation
Des längst versöhnten Schicksals Schluß
Vergleich
Nie schmilzt die Sonne mich wie Wachs