Meine Seel ist in der Stille

Paul Gerhardt

1676

Meine Seel ist in der Stille, Tröstet sich des Höchsten Kraft, Dessen Rat und heilger Wille Mir bald Rat und Hilfe schafft. Der kann mehr als alle Götter, Ist mein Hort, mein Heil, mein Retter, Daß kein Fall mich stürzen kann, Trät er noch so heftig an.

Meine Hasser, hört! Wie lange Stellt ihr alle einem nach? Ihr macht meinem Herzen bange, Mir zur Ehr und euch zur Schmach, Hanget wie zerrißne Mauern Und wie Wände, die nicht dauern, Über mir und seid bedacht, Wie ich werde totgemacht.

Ja fürwahr, daß einge denken, Die, so mir zuwider seind, Wie sie mir mein Leben senken Dahin, wo kein Licht mehr scheint: Darum geht ihr Mund aufs Lügen Und das Herz auf lauter Trügen; Gute Wort und falsche Tück Ist ihr bestes Meisterstück.

Dennoch bleib ich ungeschrecket, Und mein Geist ist unverzagt In dem Gotte, der mich decket, Wann die arge Welt mich plagt. Auf den harret meine Seele; Da ist Trost, den ich erwähle, Da ist Schutz, der mir gefällt, Und Errettung, die mich hält.

Nimmer, nimmer werd ich fallen, Nimmer werd ich untergehn, Denn hier ist, der mich vor allen, Die mich drücken, kann erhöhn; Bei dem ist mein Heil und Ehre, Meine Stärke, meine Wehre; Meine Freud und Zuversicht Ist nur stets auf Gott gericht.

Hoffet allzeit, lieben Leute, Hoffet allzeit stark auf ihn. Kommt die Hilfe nicht bald heute, Falle doch der Mut nicht hin. Sondern schüttet aus dem Herzen Eures Herzens Sorg und Schmerzen, Legt sie vor sein Angesicht, Traut ihm fest und zweifelt nicht.

Gott kann alles Unglück enden, Wirds auch herzlich gerne tun Denen, die sich zu ihm wenden Und auf seiner Güte ruhn. Aber Menschenhilf ist nichtig, Ihr Vermögen ist nicht tüchtig, Wär es gleich noch eins so groß, Uns zu machen frei und los.

Große Leute, große Toren! Prangen sehr und sind doch Kot, Füllen Sinnen, Aug und Ohren: Kommts zur Tat, so sind sie tot; Will man ihres Tuns und Sachen Eine Prob und Rechnung machen, Nach dem Ausschlag des Gewichts Sind sie weniger denn nichts.

Laßt sie fahren, liebe Kinder, Da ist schlechter Vorteil bei! Habt vor allem, was die Sünder Frechlich treiben, Furcht und Scheu! Laßt euch Eitelkeit nicht fangen, Nach, was nichts ist, nicht verlangen; Käm auch Gut und Reichtum an, Ei, so hängt das Herz nicht dran!

Wo das Herz am besten stehe, Lehrt am besten Gottes Wort Aus der güldnen Himmelshöhe; Denn da hör ich fort und fort, Daß er groß und reich von Kräften, Rein und heilig in Geschäften, Gütig dem, der Gutes tut. Nun, der sei mein schönstes Gut.

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Illustration zu Meine Seel ist in der Stille

Interpretation

Das Gedicht "Meine Seel ist in der Stille" von Paul Gerhardt handelt von der inneren Ruhe und dem Trost, den der Glaube an Gott schenkt. Der Dichter beschreibt, wie seine Seele in der Stille Trost in der Kraft des Höchsten findet und sich auf dessen Rat und heiligen Willen verlässt. Er betont, dass Gott mehr kann als alle Götter und dass er sein Hort, Heil und Retter ist, der ihn vor dem Fall bewahrt. In den folgenden Strophen geht es um die Feinde und Hasser, die dem Dichter Angst machen und ihm nach dem Leben trachten. Trotzdem bleibt er unerschrocken und unerschüttert, da er sich auf Gott verlässt, der ihn beschützt und tröstet. Er betont, dass er niemals fallen oder untergehen wird, da Gott ihm Heil, Ehre, Stärke und Wehre ist. Im letzten Teil des Gedichts ermutigt der Dichter seine Mitmenschen, stets auf Gott zu hoffen und ihre Sorgen und Schmerzen vor sein Angesicht zu legen. Er betont, dass menschliche Hilfe nichtig ist und dass nur Gott alles Unglück beenden kann. Er warnt auch vor der Eitelkeit und dem Stolz der Mächtigen und ermutigt dazu, sich auf das Wort Gottes zu verlassen und Gott als das höchste Gut anzusehen.

Schlüsselwörter

kann herz nimmer rat bald hilfe mehr alle

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Nun, der sei mein schönstes Gut
Anapher
Große Leute, große
Hyperbel
Gütig dem, der Gutes tut
Metapher
Sind sie weniger denn nichts
Personifikation
Und Errettung, die mich hält