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Meine Mutter

Von

Ach weh, meine Mutter reißt mich ein.
Da hab ich Stein auf Stein gelegt
und stand schon wie ein kleines Haus,
um das sich groß der Tag bewegt;
sogar allein.

Nun kommt die Mutter, kommt und reißt mich ein.
Sie reißt mich ein, indem sie kommt und schaut.
Sie sieht nicht, daß da einer baut.
Sie geht mir mitten durch die Wand von Stein.
Ach wehe, meine Mutter reißt mich ein.

Die Vögel fliegen leichter um mich her;
die fremden Hunde wissen: der ist der.
Nur einzig meine Mutter kennt es nicht,
mein langsam mehr gewordenes Gesicht.

Von ihr zu mir war nie ein warmer Wind;
sie lebt nicht dorten, wo die Lüfte sind.
Sie liegt in einem hohen Herzverschlag,
und Christus kommt und wäscht sie jeden Tag.

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Gedicht: Meine Mutter von Rainer Maria Rilke

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Meine Mutter“ von Rainer Maria Rilke thematisiert auf eindringliche Weise das Gefühl der Entfremdung und des Unverständnisses zwischen dem lyrischen Ich und seiner Mutter. Die zentrale Metapher des „Einreißens“ steht für die destruktive Kraft der Mutter, die das mühsam aufgebaute „Haus“ des Ichs – eine Metapher für die eigene Identität und das eigene Lebenskonstrukt – zerstört.

Die erste Strophe beschreibt das mühsame Aufbauen einer eigenen Welt, symbolisiert durch das Errichten eines kleinen Hauses. Die Welt des Kindes, die Sonne ist in der ersten Strophe groß und aktiv („um das sich groß der Tag bewegt“). Das Ich hat sich selbstständig gemacht und erlebt die Welt als einen eigenen, unabhängigen Raum. Doch mit dem Erscheinen der Mutter ändert sich alles: Sie „reißt mich ein“, was sowohl physisch als auch emotional verstanden werden kann. Die Mutter nimmt dem Kind sein Zuhause, indem sie die Mauern des Selbst zerstört. Sie sieht nicht die Bemühungen und das Wachstum, sondern nur das Kind, das in ihrer Sichtweise verharrt. Die Wiederholung des Satzes „Ach weh, meine Mutter reißt mich ein“ verstärkt die Verzweiflung und das Gefühl des Verlustes.

In der zweiten Strophe wird diese Zerstörung konkretisiert: Die Mutter dringt in die Welt des Kindes ein, „geht mir mitten durch die Wand von Stein“. Es ist ein Akt des Ignorierens und Nicht-Wahrnehmens, der das Kind in seinem tiefsten Inneren verletzt. Die Außenwelt, verkörpert durch die Vögel und Hunde, scheint das Ich besser zu verstehen, erkennt es an seiner Individualität. Nur die Mutter, die eigentlich die engste Bezugsperson sein sollte, ist blind für die Entwicklung und die Veränderungen des Kindes.

Die abschließende Strophe verdeutlicht das tiefe emotionale Vakuum. Die Beziehung zur Mutter ist durch Kälte und Distanz geprägt, „war nie ein warmer Wind“. Die Mutter lebt in einer eigenen Welt, in einem „hohen Herzverschlag“, der durch ihre Beziehung zu Christus – der sie jeden Tag wäscht – gekennzeichnet ist. Diese Distanzierung von der Welt des Kindes wird noch verstärkt, indem die Mutter eine eigene, quasi religiöse Welt hat, in der Christus eine reinigende Rolle spielt. Das Gedicht endet mit einem Gefühl der Isolation und des unverstandenen Daseins.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.