Meine Bekehrung zum Islam

Margarete Beutler

1908

Planlos stand ich vor dem Laden eines grauen Orientalen und beäugte die Paraden alter Tassen, Waffen, Schalen, als mein Blick drei Worte fasste. - Unter silbernen Grelots auf dem Grunde eines Gürtels stand da deutlich und kurios: Allah ist groß!

Diese Worte, die in blauer Seide silbern eingestickt, senkten in das Herz mir Trauer, das schon längst ein Gram gedrückt; denn in meiner Taschen Dunkel wuchs höchst spärlich nur das Moos, an der Börse, meiner Börse gab es Baisse stets satt Hausse: Allah ist groß?

Ja, gewiss, ich zweifle - sprach ich - nicht an seiner Größe Macht, aber zur Bedingung mach ich, dass für mich sein Wille wacht - “Jene Strümpfe, Gott der Türken, schenk mir, die so namenlos Ich ersehne, dann verkünd ich fortan mit Posaunenstoß: Allah ist groß!

Jene Strümpfe, altgoldseiden, die der Gatte mir verwehrt, schenk sie mir! Dies wird entscheiden, ob mein Herz dich gläubig ehrt.” Und sieh da, gerade als ich also leise flehte, schoss ein Gedanke in den Schädel, so, dass mich nicht mehr verdross: Allah ist groß!

Ein Gedanke, so erhaben, wie ihn unter heitrer Stirn stets nur edle Götter gaben, ward in meinem Menschenhirn. Schnell barg ich mich, selig lächelnd, in der Kemenate Schoß, aus den Tiefen meiner Seele rang es sich versöhnend los: Allah ist groß!

Hier in meiner Kemenate schrieb ich voller Seelenruh, und die Sterne standen Pate, und der Mond sah schmunzelnd zu. Ei, wie schwärzte sich der Bogen! Aus der feuchten Feder flohs, ward zu rhythmischen Girlanden, ward zu lyrischen Tableaus! Allah ist groß!

Und mit dem beschriebnen Bogen trieb der Gott mich eilends fort, bis der Großstadt dunkle Wogen spulten mich an richtgen Ort: In den indiskreten Räumen eines Redaktionsbureaus ward ich die erhabnen Verse für zwei Louisdorchen los. Allah ist groß!

Um dies Geld, das ekle, runde, das mir dort verabfolgt ward, tauscht ich noch zur selben Stunde jene Strümpfe, himmlisch zart mit den goldnen Lorbeerkränzen an der Wade - (dies sub rose). Ach, vergnügter war kein Weibchen seit den Zeiten Salomos: Allah ist groß!

Ja, er kann Gedanken wandeln, bis sie Gold und Silber sind, kann für dieses Strümpfe handeln wie ein Traum so zart und lind, kann durch diese Strümpfe heben einen armen Erdenkloß über die gemeinen Höhen ordinären Glücksniveaus: Ja, er ist groß!

“Wär ich nicht ein Weib geboren, hätt ich dir,” so sprach ich leise, “Gott der Türken, gern geschworen, dir zu danken edler Weise, einen Harem würd ich halten, unerhört und riesengroß, vierzehnhundert kleine Türken schrien schon im Mutterschoß: Allah ist groß!”

Als dann Freksa kam, der Gatte, der aus Sparsamkeitsprinzip nicht gekauft die Strümpfe hatte, rief ich: “Allah hat mich lieb! Sieh nur, was für schöne Strümpfe! Keine Tochter Pharaos trug jemals dergleichen. Sieh nur, sitzen sie nicht ganz famos? Allah ist groß!”

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Illustration zu Meine Bekehrung zum Islam

Interpretation

Das Gedicht "Meine Bekehrung zum Islam" von Margarete Beutler erzählt die Geschichte einer Frau, die durch den Zufall auf die Worte "Allah ist groß" stößt und daraufhin zum Islam konvertiert. Die Erzählerin beschreibt, wie sie zunächst planlos vor einem orientalischen Laden steht und die ausgestellten Waren betrachtet. Dabei fällt ihr Blick auf einen Gürtel mit der eingestickten Inschrift "Allah ist groß", was in ihr eine tiefe Trauer auslöst, da sie in finanziellen Schwierigkeiten steckt. Die Erzählerin stellt eine Bedingung für ihre Bekehrung zum Islam: Allah solle ihr die gewünschten Strümpfe schenken, die ihr Gatte ihr verweigert hat. In einem Moment der Inspiration formuliert sie in ihrer Kemenate (Frauengemach) erhabene Verse über Allah, die sie anschließend an eine Redaktion verkauft. Mit dem erhaltenen Geld kauft sie sich die begehrten Strümpfe und ist überglücklich. Die Erzählerin preist Allah dafür, dass er ihre Gedanken gewandelt und ihr zu den Strümpfen verholfen hat, wodurch sie über ihr gewöhnliches Glücksniveau hinausgehoben wurde. Am Ende des Gedichts tritt der Gatte Freksa auf die Szene und bewundert die neuen Strümpfe seiner Frau. Die Erzählerin freut sich über die Aufmerksamkeit und ruft erneut "Allah ist groß!", was ihre vollkommene Bekehrung zum Ausdruck bringt. Das Gedicht zeigt, wie die Erzählerin durch den Wunsch nach materiellen Gütern und die damit verbundene Befriedigung ihrer Eitelkeit zum Glauben an Allah findet. Es karikiert die Oberflächlichkeit und den Materialismus, der hinter der scheinbaren religiösen Bekehrung der Protagonistin steht.

Schlüsselwörter

allah groß strümpfe ward gott türken sieh kann

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Planlos stand ich vor dem Laden eines grauen Orientalen
Anapher
Allah ist groß!
Hyperbel
vierzehnhundert kleine Türken schrien schon im Mutterschoß
Ironie
Und mit dem beschriebnen Bogen trieb der Gott mich eilends fort
Metapher
an der Börse, meiner Börse gab es Baisse stets satt Hausse
Personifikation
der Mond sah schmunzelnd zu