Mein Wannenbad
1883Es muss wieder mal sein. Also: Ich steige hinein in zirka zwei Kubikmeter See. Bis übern Bauch tut es weh.
Das Hähnchen plätschert in schamlosem Ton, ich atme und schnupfe den Fichten-Ozon, Beobachte, wie die Strömung läuft. Wie dann clam, langsam mein Schwamm sich besäuft und ich ersäufe, um allen Dürsten gerecht zu werden, verschiedene Bürsten. Ich seife, schrubbe, ich spüle froh. Ich suche auf Ausguck vergebens nach einem ertrinkenden Floh, doch fort ist der Hausjuck.
Ich lehne mich weit und tief zurück, genieße schaukelndes Möwenglück. Da taucht aus der blinkenden Fläche, wie eine Robinsoninsel, plötzlich ein Knie; dann - massig - mein Bauch - eines Walfisches Speck. Und nun auf den Wellen (nach meinem Belieben herangezogen, davon getrieben), als Wogenschaum spielt mein eigenster Dreck und auf dem Gipfel neptunischer Lust, klebt sich der Waschlappen mir an die Brust.
Brust, Wanne und Wände möchten zerspringen, denn ich beginne nun, dröhnend zu singen die allerschwersten Opern-Kaliber. Das Thermometer steigt über Fieber, das Feuer braust und der Ofen glüht, aber ich bin schon so abgebrüht, dass mich gelegentlich Explosionen - wenn′s an mir vorbei geht - erfreu′ n, weil manchmal dabei was entzwei geht, was Leute betrifft, die unter mir wohnen.
Ich lasse an verschiedenen Stellen nach meinem Wunsch flinke Bläschen entquellen, erhebe mich mannhaft ins Duschengebraus. Ich bück′ mich. Der Stöpsel rülpst sich heraus und während die Fluten sich gurgelnd verschlürfen, spannt mich das Bewusstsein wie himmlischer Zauber, mich überall heute zeigen zu dürfen, denn ich bin sauber. ~~~~
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Interpretation
Das Gedicht "Mein Wannenbad" von Joachim Ringelnatz ist eine humorvolle und fantasievolle Beschreibung eines alltäglichen Vorgangs - des Badens. Der Autor verwandelt das einfache Waschen in ein episches Abenteuer, indem er das Wannenbad als weites Meer oder See imaginiert und sich selbst als Entdecker oder Seemann darstellt. Ringelnatz verwendet eine Vielzahl von Metaphern und Vergleichen, um die Größe und Bedeutung des Wannenbads zu betonen. Er beschreibt das Wasser als "zwei Kubikmeter See", das Plätschern des Hahns als "schamlosen Ton" und den Schwamm als etwas, das sich "besäuft". Die Seife, der Schwamm und die Bürsten werden als "Dürsten" bezeichnet, die es zu befriedigen gilt, und der Autor imaginiert sich selbst als Robinson Crusoe, der auf einer Insel (seinem Knie) landet. Das Gedicht endet mit einer humorvollen und etwas chaotischen Szene, in der der Autor im Bad singt, das Thermometer steigt und es zu "Explosionen" kommt, die die Menschen unter ihm stören. Trotz des Durcheinanders und der möglichen Zerstörung endet das Gedicht auf einer positiven Note: Der Autor ist sauber und zufrieden mit seiner Badeerfahrung.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Ich seife, schrubbe, ich spüle froh
- Bildsprache
- als Wogenschaum spielt mein eigenster Dreck
- Hyperbel
- Brust, Wanne und Wände möchten zerspringen
- Ironie
- abgebrüht, dass mich gelegentlich Explosionen ... erfreu′n
- Metapher
- Ich steige hinein in zirka zwei Kubikmeter See
- Onomatopoesie
- das Fluten sich gurgelnd verschlürfen
- Personifikation
- Das Hähnchen plätschert in schamlosem Ton
- Symbolik
- das Thermometer steigt über Fieber
- Vergleich
- wie eine Robinsoninsel, plötzlich ein Knie