Mein Vaterland

Friedrich Gottlieb Klopstock

1724

So schweigt der Jüngling lang, Dem wenige Lenze verwelkten, Und der dem silberhaarigen thatenumgebenen Greise, Wie sehr er ihn liebe! das Flammenwort hinströmen will.

Ungestüm fährt er auf um Mitternacht, Glühend ist seine Seele! Die Flügel der Morgenröthe wehen, er eilt Zu dem Greis′, und saget es nicht.

So schwieg auch ich. Mit ihrem eisernen Arm Winkte mir stets die strenge Bescheidenheit! Die Flügel wehten, die Laute schimmerte, Und begann von selber zu tönen, allein mir bebte die Hand.

Ich halt es länger nicht aus! Ich muss die Laute nehmen, Fliegen den kühnen Flug! Reden, kann es nicht mehr verschweigen, Was in der Seele mir glüht.

O schone mein! dir ist dein Haupt umkränzt Mit tausendjährigem Ruhm! du hebst den Tritt der Unsterblichen, Und gehest hoch vor vielen Landen her! O schone mein! Ich liebe dich, mein Vaterland!

Ach sie sinkt mir, ich hab′ es gewagt! Es bebt mir die Hand die Saiten herunter; Schone, schone! Wie wehet dein heiliger Kranz, Wie gehst du den Gang der Unsterblichen daher.

Ich seh ein sanftes Lächeln, Das schnell das Herz mir entlastet; Ich sing es mit dankendem Freuderuf dem Wiederhall, Dass dieses Lächeln mir ward!

Früh hab ich dir mich geweiht! Schon da mein Herz Den ersten Schlag der Ehrbegierde schlug, Erkohr ich, unter den Lanzen und Harnischen Heinrich, deinen Befreyer, zu singen.

Allein ich sah die höhere Bahn, Und, entflamt von mehr, denn nur Ehrbegier, Zog ich weit sie vor. Sie führet hinauf Zu dem Vaterlande des Menschengeschlechts!

Noch geh ich sie, und wenn ich auf ihr Des Sterblichen Bürden erliege; So wend′ ich mich seitwärts, und nehme des Barden Telyn, Und sing, o Vaterland, dich dir!

Du pflanzetest dem, der denket, und ihm, der handelt! Weit schattet, und kühl dein Hain, Steht und spottet des Sturmes der Zeit, Spottet der Büsch um sich her!

Wen scharfer Blick, und die tanzende glückliche Stunde führt, Der bricht in deinem Schatten, kein Märchen sie, Die Zauberruthe, die, nach dem helleren Golde, Dem neuen Gedanken, zuckt.

Oft nahm deiner jungen Bäume das Reich an der Rhone, Oft das Land an der Thems′ in die dünneren Wälder. Warum sollten sie nicht? Es schiessen ja bald Andere Stämme dir auf!

Und dann so gehörten sie ja dir an. Du sandtest Deiner Krieger hin. Da klangen die Waffen! da ertönte Schnell ihr Ausspruch: Die Gallier heissen Franken! Engelländer die Britten!

Lauter noch liessest du die Waffen klingen. Die hohe Rom Ward zum kriegerischen Stolz schon von der Wölfin gesäugt; Lange war sie Welttyrannin! Du stürzetest, Mein Vaterland, die hohe Rom in ihr Blut!

Nie war, gegen das Ausland, Ein anderes Land gerecht, wie du! Sey nicht allzugerecht. Sie denken nicht edel genung, Zu sehen, wie schön dein Fehler ist!

Einfältiger Sitte bist du, und weise, Bist ernstes tieferes Geistes. Kraft ist dein Wort, Entscheidung dein Schwert. Doch wandelst du gern es in die Sichel, und triefst, Wohl dir! von dem Blute nicht der andern Welten!

Mir winket ihr eiserner Arm! Ich schweige, Bis etwa sie wieder schlummert; Und sinne dem edlen schreckenden Gedanken nach, Deiner werth zu seyn, mein Vaterland.

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Illustration zu Mein Vaterland

Interpretation

Das Gedicht "Mein Vaterland" von Friedrich Gottlieb Klopstock ist eine leidenschaftliche Liebeserklärung an die Heimat, die den inneren Konflikt des lyrischen Ichs zwischen Bescheidenheit und dem Drang, seine Liebe auszudrücken, thematisiert. Der Sprecher vergleicht sich mit einem Jüngling, der seine Liebe zu einem verehrten Greise lange verschweigt, bis die innere Spannung unerträglich wird und er sich dazu entschließt, seine Gefühle in einem Loblied auf sein Vaterland auszudrücken. Das Gedicht zeichnet ein idealisiertes Bild der Heimat als Ort der Freiheit, des Fortschritts und der Gerechtigkeit. Klopstock preist die historischen Leistungen des deutschen Volkes, wie die Befreiung von der römischen Herrschaft und die Verbreitung deutscher Kultur und Sitten in anderen Ländern. Gleichzeitig mahnt er zur Bescheidenheit und warnt davor, zu streng mit den Fehlern des Vaterlands zu sein, da diese Teil seiner Einzigartigkeit und Schönheit sind. Die Sprache des Gedichts ist geprägt von starken emotionalen Ausbrüchen und bildhaften Vergleichen. Die Metaphern des "eisernen Arms" der Bescheidenheit und des "heiligen Kranzes" des Ruhmes verdeutlichen die innere Zerrissenheit des Sprechers und seine Bewunderung für die Größe der Heimat. Die Struktur des Gedichts folgt dem Verlauf des Gedankengangs des lyrischen Ichs, von der anfänglichen Zurückhaltung über den Entschluss zur Lobpreisung bis hin zur endgültigen Hingabe an die Liebe zum Vaterland.

Schlüsselwörter

schone vaterland liebe seele flügel arm laute allein

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Stilmittel

Anapher
Mir winket ihr eiserner Arm! Ich schweige
Hyperbel
Und wandelst du gern es in die Sichel, und triefst, Wohl dir! von dem Blute nicht der andern Welten
Metapher
Und wandelst du gern es in die Sichel
Personifikation
Mit ihrem eisernen Arm Winkte mir stets die strenge Bescheidenheit