Mein Stübchen
1885Nicht die kleinste Freude noch auf Erden Ist mir mein Stübchen spät bei Nacht; Des Tages Mühsal und Beschwerden Bei Lesen mich vergessen macht!
“Wohl besser, in geselligen Kreisen Froh auszutauschen, was erhebt; Du wähnst wohl gar dich einen Weisen, Der selber schon genug gelebt.
Wer doch bei solch Schartekenhocken Einseitig, tot nicht werden müßt′?! Kann dich kein Freundeszirkel locken, Wo ein lebendig Du dich grüßt?”
Verzeih, wenn ich so minder Nutzen, Belehrung minder finden kann! - Und wenn dort andere sich lernen duzen, Red′ ich mich auch mit Sie nicht an!
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Interpretation
Das Gedicht "Mein Stübchen" von Franz Carl Spitzweg thematisiert die Vorliebe des lyrischen Ichs für die Einsamkeit und das Lesen als Ausgleich zum Alltag. Der Sprecher findet in seinem kleinen Zimmer spätabends eine Art Zuflucht, die ihm hilft, die Mühen und Beschwerden des Tages zu vergessen. Lesen wird hier als eine Form der Flucht und des Trostes dargestellt, die dem Ich eine persönliche Freude und Erholung bietet. In den zweiten und dritten Strophen wird das Ich mit einer skeptischen Stimme konfrontiert, die das Lesen als isoliert und potenziell überheblich kritisiert. Diese Stimme suggeriert, dass es erfüllender sei, sich in geselligen Kreisen auszutauschen und dass das Lesen als Zeichen von Weisheit oder als Rückzug aus dem Leben missverstanden werden könnte. Die Kritik berührt auch die Gefahr der Einseitigkeit und des "Totseins" in der Isolation sowie die Frage, warum das Ich sich nicht von Freundeszirkeln anlocken lässt, wo man sich lebendig begegnet. In der abschließenden Strophe weist das Ich die Kritik zurück und verteidigt seine Wahl. Es erklärt, dass es in der Einsamkeit weniger Nutzen und Belehrung findet als in der Gesellschaft, aber dass es auch dort, wo andere sich duzen, bei der Form des "Sie" bleibt. Dies kann als Zeichen von Distanz und Individualität verstanden werden, das die bewusste Abgrenzung des Ichs von gesellschaftlichen Normen und Erwartungen unterstreicht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anspielung
- Wo ein lebendig Du dich grüßt
- Direkte Ansprache
- Verzeih, wenn ich so minder Nutzen, Belehrung minder finden kann
- Gegensatz
- Und wenn dort andere sich lernen duzen, Red′ ich mich auch mit Sie nicht an
- Ironie
- Du wähnst wohl gar dich einen Weisen, Der selber schon genug gelebt
- Kontrast
- Wohl besser, in geselligen Kreisen Froh auszutauschen, was erhebt
- Metapher
- Nicht die kleinste Freude noch auf Erden Ist mir mein Stübchen spät bei Nacht
- Personifikation
- Des Tages Mühsal und Beschwerden Bei Lesen mich vergessen macht
- Rhetorische Frage
- Wer doch bei solch Schartekenhocken Einseitig, tot nicht werden müßt′?!