Mein Ruhm
Das ist mein Stolz, daß ich in diesen Tagen,
Wo feige Rücksicht so viel Zungen bindet,
Und fester stets das Reich des Trugs begründet,
Der Wahrheit leuchtend Banner kühn getragen;
Daß treu mein Herz für Recht und Pflicht geschlagen,
Dem folgend, was sich göttlich ihm verkündet,
Und nicht, ob es in Pactols Wellen mündet?
Mit schnödem Wuchersinn je mochte fragen;
Daß ich, gehaßt von Jenen, deren Streben
In meinem Innersten ich muß verdammen,
Weil sie der freien Psyche Fesseln weben;
Daß ich geliebt von dir, den Schmerzenflammen
Geheiligt und geweiht zu höh′rem Leben,
Und daß in dir mir Welt und Sein verschwammen!
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Mein Ruhm“ von Betty Paoli ist eine sehr persönliche Erklärung des Selbstverständnisses der Dichterin und ihrer moralischen Werte. Es ist ein Bekenntnis zu Wahrheit, Rechtschaffenheit und Unabhängigkeit in einer Zeit, in der diese Tugenden offenbar gefährdet sind. Der Titel deutet bereits die zentrale Thematik an: Der „Ruhm“ der Dichterin besteht nicht in äußerem Erfolg oder Anerkennung, sondern in der Integrität ihres Charakters und ihrer Überzeugungen.
In den ersten acht Versen umreißt Paoli die wesentlichen Aspekte ihres „Ruhms“. Sie hebt hervor, dass sie in einer Zeit der Feigheit und des Betrugs „der Wahrheit leuchtend Banner kühn getragen“ hat. Sie ist stolz darauf, ihrem Gewissen und ihren moralischen Verpflichtungen treu gefolgt zu sein, ohne sich von äußeren Einflüssen oder materiellem Gewinn leiten zu lassen. Die Frage, ob ihr Handeln „in Pactols Wellen mündet?“, deutet auf die Ablehnung von Materialismus und finanziellem Erfolg. Ihr Herz schlägt für Recht und Pflicht, ein Ausdruck ihres tiefen Engagements für ethische Prinzipien.
Die zweite Hälfte des Gedichts widmet sich der Reaktion auf diese Haltung und der Quelle ihrer Stärke. Paoli akzeptiert, von denen gehasst zu werden, deren Ziele sie missbilligt. Dies verdeutlicht die tiefe Überzeugung der Dichterin und ihren Mut, gegen den Strom zu schwimmen und ihre Unabhängigkeit zu bewahren. Zugleich ist sie von einer ihr geliebten Person geliebt, „den Schmerzenflammen geheiligt und geweiht zu höh′rem Leben“. Diese Liebe, gepaart mit der erlittenen Schmerz, scheint sie zu erheben und ihr einen höheren Sinn zu geben.
Das Sonett gipfelt in der Verschmelzung mit dieser geliebten Person, wodurch „Welt und Sein“ verschwimmen. Dies deutet auf eine tiefe emotionale Verbundenheit und die Fähigkeit, in der Liebe Trost, Sinn und sogar Transzendenz zu finden. Der Schmerz, der in den vorangegangenen Versen angedeutet wird, findet hier seinen Ausgleich. Paoli hat einen „Ruhm“ erreicht, der nicht auf äußerer Anerkennung beruht, sondern in innerer Stärke, moralischer Integrität und der Erfahrung tiefer Liebe gründet. Es ist ein ergreifendes Zeugnis der menschlichen Fähigkeit, Widrigkeiten zu trotzen und durch die Kraft der Liebe und des Glaubens an sich selbst zu wachsen.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.