Mein Nachbar

Friedrich Adler

1885

An jedem Abend, wenn die späte Stunde Die müden Glieder in den Schlummer lockt, Und ich im Vorgefühl der süßen Ruhe Das Buch gesättigt aus den Händen lege, Fängt über mir ein störendes Concert an. Es gleiten Finger über das Piano Und sonder Zweifel ungeschickte Finger. Bald hör ich eine Scala, wie ein Schüler Beim Unterrichte sie nicht schlechter spielt, Bald eine Melodie aus irgend einer Uralten Oper oder Operette – Das alles unterbrochen oft durch Pausen, Die nicht im Notenblatte stehen mögen, Durch falsche Griffe, die in wilder Hast Sofort noch einmal falsch gegriffen werden: Kurz, ich bin selbst nicht sonderlich empfindlich In Rücksicht auf das Musikalische, Doch denkt die Zeit, die Ruhebedürftigkeit Und nehm′t dazu den seltsamen Genuß, Und dann vergebt mir nicht, wenn ich am Ende Voll Aerger nach dem Concertirer forsche, Die unbequemen Klänge abzuthun.

Und was vernahm ich? Ein bejahrter Mann, Ein dürftiger, ist mein Pianospieler, Den ganzen Tag geht er dem Handwerk nach, Und Abends, wenn die Kinder eingeschlafen, Für die er all′ die schweren Sorgen trägt, Uebt er Piano. Lacht mich aus darum. Mir traten ein paar Thränen in die Augen; Mitfühlend las ich in des Mannes Herz. Er kann nicht spielen und er wird′s nicht können, Zu steif ist seine Hand, sein Ohr zu stumpf, Ihr kennt das Sprüchlein wohl von Haus und Häuschen, Und dennoch läßt er′s nicht. Ihm ist dies Spiel Die einzige Sprosse, die aus Noth und Kummer Des öden Lebens ihn nach oben leitet, Die einzige. Und die barmherzige Kunst, Sie aller Segenspender edelste, Stößt ihn auch ohne Trost nicht aus dem Tempel, Der gläubig drin der Seele Heilung sucht. Aus falschen Griffen, aus verfehlten Takten Gießt sie dem Lechzenden Befriedigung In die geängstigte, gequälte Brust …

Spiel immer zu, du armer, alter Mann! Du störst nicht, nein. Melodisch klingt um mich Die edle Weihe eines Menschenherzens.

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Illustration zu Mein Nachbar

Interpretation

Das Gedicht "Mein Nachbar" von Friedrich Adler beschreibt die anfängliche Irritation des Erzählers über die musikalischen Versuche seines Nachbarn, der jeden Abend Klavier spielt. Die Darstellung der ungeschickten Finger, der falschen Griffe und der Pausen, die nicht im Notenblatt stehen, vermittelt ein Bild des musikalischen Missklangs, das den Erzähler stört. Trotz seiner eigenen mangelnden Empfindlichkeit für Musik, fühlt er sich durch die nächtliche Störung in seiner Ruhe beeinträchtigt. Die Perspektive des Erzählers ändert sich jedoch dramatisch, als er den Pianisten kennenlernt. Es handelt sich um einen alten, armen Mann, der den ganzen Tag hart arbeitet und abends, wenn seine Kinder schlafen, Klavier übt. Die Entdeckung, dass der Nachbar aus Liebe zur Musik und als einzige Flucht aus seinem harten Leben übt, berührt den Erzähler tief. Er erkennt die Hingabe und den Trost, den die Musik dem Mann bietet, trotz seiner offensichtlichen Unbegabtheit. Am Ende des Gedichts drückt der Erzähler sein Verständnis und seine Bewunderung für die Ausdauer des alten Mannes aus. Er erkennt, dass die Musik, selbst wenn sie unvollkommen ist, eine edle und heilende Kraft besitzt. Die Zeilen "Spiel immer zu, du armer, alter Mann! Du störst nicht, nein. Melodisch klingt um mich Die edle Weihe eines Menschenherzens." unterstreichen die tiefe emotionale Verbindung, die der Erzähler nun zur Musik und zum Pianisten empfindet. Die anfängliche Störung hat sich in eine Quelle der Inspiration und des Mitgefühls verwandelt.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Kurz, ich bin selbst nicht sonderlich empfindlich In Rücksicht auf das Musikalische
Anapher
An jedem Abend, wenn die späte Stunde Die müden Glieder in den Schlummer lockt, Und ich im Vorgefühl der süßen Ruhe Das Buch gesättigt aus den Händen lege
Bildsprache
Spiel immer zu, du armer, alter Mann! Du störst nicht, nein. Melodisch klingt um mich Die edle Weihe eines Menschenherzens
Enjambement
Der gläubig drin der Seele Heilung sucht. Aus falschen Griffen, aus verfehlten Takten Gießt sie dem Lechzenden Befriedigung In die geängstigte, gequälte Brust ...
Hyperbel
Bald hör ich eine Scala, wie ein Schüler Beim Unterrichte sie nicht schlechter spielt
Kontrast
Mir traten ein paar Thränen in die Augen; Mitfühlend las ich in des Mannes Herz
Metapher
Die einzige Sprosse, die aus Noth und Kummer Des öden Lebens ihn nach oben leitet
Personifikation
Und was vernahm ich? Ein bejahrter Mann, Ein dürftiger, ist mein Pianospieler