Mein Kreuz
1904An meinen Werken bin ich aufgenagelt, Ich bin so tot, wie sie lebendig sind. Mein Blut ist all in sie hineingeflossen. Zerwühltes Himmellager. Schwefelwerk Baut heiß und gleißend, schwer und schwarz sich auf. Ich bin so tot, wie sie lebendig sind Und fühle hinter meinem Haupte rascheln Wie welken Kranz den Saft der mir entstieg. Der mich verließ der treulos floß hinüber. Wie eine Schmähschrift Zischelt sich′s ins Ohr mir: Ich bin so hoch, wie die da niedrig sind. Und bin so ganz verkehrt an jedem Sein, Ein Spielzeug strenger Himmel, das zerbrochen Von Anbeginn. Und mürrisch läßt Es mich im Winkel - und schwingen blühend Hin hohe Reigen. Frageliebesblick Munterer Weltenmädchen Plaudert. Und wie ich niederschaue totverloren, Da wiehert auf das Kaffeehaus und reicht Aus spitzem Keil, dem tintengiftumgrünten - Aasfliegen strotzen so im Schillerpanzer - Mir einen Wisch mit Lauge. Von Doktor So und so. Und Jüngerfrauen, Die stehn gar mildiglich verwundert, unverwandt Zu mir empor zu schauen. Dann ruft der Topf sie “Leben Sie recht wohl, Herr Hille!”
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Interpretation
Das Gedicht "Mein Kreuz" von Peter Hille beschreibt die tiefe Verzweiflung und Isolation des lyrischen Ichs, das sich selbst als geistig und kreativ tot empfindet, während seine Werke lebendig sind. Die Metapher des Gekreuzigten, der an seinen Werken aufgenagelt ist, verdeutlicht das Gefühl, von seiner eigenen Kreativität gefangen und zugleich verlassen zu sein. Das "Zerwühlte Himmellager" und das "Schwefelwerk" symbolisieren die innere Zerrissenheit und die zerstörerische Kraft seiner Schöpfungen, die sich wie ein "Schmähschrift" in sein Ohr zischen und ihm vorwerfen, zu hoch zu sein, während andere niedrig sind. Die zweite Strophe vertieft das Gefühl der Verkehrtheit und des Scheiterns. Das lyrische Ich fühlt sich als "Spielzeug strenger Himmel" und als etwas, das "von Anbeginn zerbrochen" ist. Die "mürrische" Abweisung durch das Schicksal und der Kontrast zu den "hohen Reigen" und dem "plaudernden" Leben anderer verstärken die Isolation und den Verlust des Selbstwertgefühls. Die Bilder von "Kaffeehaus" und "Tintengift" sowie die "Aasfliegen" im "Schillerpanzer" symbolisieren die Verachtung und den Spott, den das lyrische Ich von der Gesellschaft erfährt. Der Schluss des Gedichts verdeutlicht die Endgültigkeit des Scheiterns und die Hoffnungslosigkeit. Die "Jüngerfrauen" blicken mitleidig auf das lyrische Ich herab, bevor sie von ihrem Leben gerufen werden. Der abschließende Satz "Leben Sie recht wohl, Herr Hille!" klingt wie eine höfliche, aber distanzierte Verabschiedung, die die völlige Entfremdung und den Verlust jeglicher menschlicher Verbundenheit unterstreicht. Das Gedicht endet mit einem tiefen Gefühl der Verlassenheit und der Erkenntnis, dass das lyrische Ich in seiner Isolation gefangen ist und keinen Ausweg mehr sieht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Leben Sie recht wohl, Herr Hille
- Metapher
- Von Doktor So und so
- Personifikation
- Zerwühltes Himmellager