Mein Haus

Ludwig Rubiner

1881

Um mein Haus sind Straßen, Kreise von Brunnen. Plakatsäulen. Gemüseläden. Uhrmacher mit Schmuck. Finstere Brunnen. Plakatsäulen. Polizisten stehn vor Theatern. Die Untergrundbahn stürzt in ihren Köcher. Weiße Kellner mit Tassen. Zeitungsjungen laufen. Kutscher reden zu Gäulen. Unter der Brücke fahren Dampfer durch gemalte Lampen. Kaufleute winken vor den Türen. Die Bäckereien dampfen. Menschen stehn um einen Überfahrenen. In geheizte Kirchen gehn Gepäckträger. Alte verteilen Zettel. In Gerichtssälen sprechen und schweigen Kläger. In Trompetenwagen sitzen Frauen mit Schleiern. Frauen verkaufen Kastanien an Ecken. Menschen unter Kuppeln sehen nach Sternen. Finder rechnen auf Papier Formeln. An den Lichtern in Zimmern sitzen Denker gekrümmt und murmeln. In den Tanzsälen lächelt man. Einbrecher kommen aus Verstecken. Einsame im Schatten essen schnell Brote. Geldhäuser werden geschlossen. Menschen mit Säcken suchen Weggeworfenes. Empörer lesen Reden. Paare sitzen an Tischen und streiten. In Hotels erschießen sich Menschen verdrossen. Die Sonne ist auf- und untergegangen. Der Mond ist oft zu sehen. In bewachten Krankenhäusern liegen Menschen auf niedrigen Kissen. Hinter Türmen von Kasernen treten Soldaten mit groben Händen. Man peitscht geschwächte Menschen festgeschnallt in den Gefängnissen. In kalten Wohnungen sind Greise, die jungfräuliche Kinder schänden. Es klingelt in roten Fabriken, Müde lösen siedende Pfiffe. Über alten und neuen Dächern drehn sich gelbe Luftschiffe. Auf grünen Fischteichen ziehen die Ruderer Netze und Schnüre. Bettler mit Bündeln schreiten auf Lehmwegen um spitze Steine und kalte Regenlachen. Ein Fleischer tritt vom Wagen in eine aufgeklinkte Türe. Hunde bellen schrill auf einen Juden mit einem Pack alter Sachen. In heißen Feldern zerren gebuckelt braune Bauern. In breiten Wäldern schlafen Arme und Brandstifter. Es lärmt von Holzhauern. Über weiße Meere mit Kabeln werden Auswandererschiffe auf und nieder gebogen. In langen Ländern werden die Hungrigen ermordet. Häuser fallen grau um. Menschen im nassen Blut unter spitzen Kanonen haben blaue Messer gegen schwere Pferde gezogen. Zerquetschte liegen unter halben Balken. Ferne Telephonzellen sind stumm. Eingehüllte mit alten Flinten schießen knochige Tiere auf kalten Meilen im Schneegesträuch. Auf weiten Öden leben Verlassene in Unrat und Höhlen ohne Geräusch. In Affenparadiesen springen nackte Schwarze durchs blaue Licht. Golfmeere fliegen mit Flaschen und Schlamm zu Inseln und Muschelketten. An kleinen Dächern auf wackligen Straßen besprechen alte Frauen das Mittagsgericht. Vor geordneten Zeitungssälen erwarten steife Raucher den Ausgang der Wetten. Die Briefträger führen dicke Taschen auf runde Treppen. Schläfer träumen oder sind bleich. Laute Lastkutscher schleppen. Eilige gehn über dunkle Steine. Wagen gleiten auf Straßen. Mein Haus. Aus dem Schornstein steigt Rauch. Umher sind Sonne. Mond. Die Abendsterne auch.

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Illustration zu Mein Haus

Interpretation

Das Gedicht "Mein Haus" von Ludwig Rubiner ist eine vielschichtige Darstellung des Lebens in einer Stadt, die sowohl die Schönheit als auch die Härte des Daseins einfängt. Der Dichter beschreibt die Umgebung seines Hauses als einen Ort voller Aktivität und Vielfalt, wo verschiedene soziale Schichten und Lebenssituationen aufeinandertreffen. Die Straßen sind belebt von Menschen, die ihren täglichen Beschäftigungen nachgehen, von Kaufleuten bis zu Polizisten, von Kellnern bis zu Bettlern. Diese Vielfalt wird durch eine Reihe von Bildern und Szenen dargestellt, die sowohl das Alltägliche als auch das Außergewöhnliche einfangen. Die zweite Strophe des Gedichts führt den Leser in eine Welt, die von Härte und Brutalität geprägt ist. Hier werden Szenen von Gewalt und Unterdrückung beschrieben, wie die Misshandlung von Gefangenen, die Ausbeutung von Arbeitern und die Ausgrenzung von Minderheiten. Diese Bilder stehen in starkem Kontrast zu den früheren Beschreibungen des Alltagslebens und verdeutlichen die sozialen Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten, die in der Gesellschaft existieren. Der Dichter scheut sich nicht, die dunklen Seiten des Lebens zu thematisieren und fordert den Leser auf, diese Realitäten zu erkennen und zu reflektieren. In der dritten Strophe kehrt das Gedicht zu einer breiteren Perspektive zurück und beschreibt Szenen aus verschiedenen Teilen der Welt. Von den Feldern der Bauern bis zu den Meeren der Auswanderer, von den Wäldern der Armen bis zu den Städten der Reichen – der Dichter zeichnet ein globales Bild des menschlichen Lebens. Trotz der Vielfalt der Schauplätze und der Unterschiede in den Lebensbedingungen gibt es eine gemeinsame Menschlichkeit, die alle verbindet. Das Gedicht endet mit der Rückkehr zum Haus des Dichters, umgeben von den natürlichen Elementen Sonne, Mond und Abendsterne, was auf eine gewisse Beständigkeit und Kontinuität im Angesicht der wechselnden und oft harten Realitäten des Lebens hindeutet.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Finder rechnen auf Papier Formeln.
Anapher
Um mein Haus sind Straßen, Kreise von Brunnen. Plakatsäulen.
Bildsprache
Auf weiten Öden leben Verlassene in Unrat und Höhlen ohne Geräusch.
Enjambement
Über alten und neuen Dächern drehn sich gelbe Luftschiffe.
Hyperbel
Menschen mit Säcken suchen Weggeworfenes.
Kontrast
In geheizte Kirchen gehn Gepäckträger.
Metapher
Die Untergrundbahn stürzt in ihren Köcher.
Parallelismus
Weiße Kellner mit Tassen. Zeitungsjungen laufen. Kutscher reden zu Gäulen.
Personifikation
Die Bäckereien dampfen.
Symbolik
Aus dem Schornstein steigt Rauch.