Mein Geschmack

Johanna Charlotte Unzer

1782

Mich rührt kein finstrer Weiser, Der seine Stirn beständig Mit Falten überziehet, Und der nur von Monaden, Von andern schlechten Welten, Und von der Seelen Nahrung In Räthseln mit mir redet. Auch der nicht, der nur Zahlen, Nie aber Scherz und Küsse Quadriret und cubiret, Und der aus unsern Körpern Nur die Mechanik lernet. Auch nicht der stolze Dummkopf, Der immer disputiret; Der unter Popens Schöpsen Den ersten Rang verdiente, Weil er sich selbst vergöttert, Und in sich selbst die Dummheit; Der keine Pflicht sonst übet, Als solche, die ihn zwingen. Der Dummkopf würde täglich Um Küsse mit mir rechten, Und mich mir gar zu ofte Mit Schreyen übertäuben. Soll mir ein Freund gefallen, So muß er weislich denken; Er muß die Wissenschaften Verstehen und verehren, Doch muß die ernste Weisheit Nie sein Gesicht entstellen. Er muß die frohen Scherze, Doch feuerreiche Scherze, In seinen Umgang mischen, Und muß die süßen Triebe Der Freundschaft in sich fühlen. Ein solcher Freund ist Damis.

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Illustration zu Mein Geschmack

Interpretation

Das Gedicht "Mein Geschmack" von Johanna Charlotte Unzer ist eine leidenschaftliche und persönliche Abhandlung über die Eigenschaften, die der Sprecherin bei einem Freund wichtig sind. Die Dichterin beginnt damit, verschiedene Arten von Menschen abzulehnen, die ihr nicht zusagen. Dazu gehören ernste Philosophen, die sich ausschließlich mit abstrakten Konzepten wie Monaden und Seelenahrung beschäftigen, sowie Mathematiker, die Zahlen über menschliche Interaktion stellen. Auch stolze und streitlustige Personen, die sich selbst vergöttern und ihre Umgebung mit Schreien und Diskussionen belästigen, werden abgelehnt. Im zweiten Teil des Gedichts beschreibt die Sprecherin die Eigenschaften, die sie sich von einem Freund wünscht. Ein solcher Freund sollte weise denken und die Wissenschaften verstehen und verehren, aber ohne dabei ernst und verbittert zu wirken. Er sollte in der Lage sein, heitere und feurige Scherze in seine Gespräche einzubringen und die süßen Triebe der Freundschaft zu spüren. Die Dichterin betont die Bedeutung von Ausgewogenheit und Harmonie in einer Freundschaft. Schließlich offenbart die Sprecherin, dass sie einen solchen Freund in Damis gefunden hat. Damis verkörpert all die Eigenschaften, die die Dichterin sich von einem Freund wünscht. Er ist weise, aber nicht verbittert, versteht und verehrt die Wissenschaften, kann heitere Scherze machen und spürt die süßen Triebe der Freundschaft. Damis ist somit der ideale Freund, der die Erwartungen der Sprecherin erfüllt und ihre Vorstellungen von einer erfüllenden Freundschaft verkörpert.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Mich rührt kein finstrer Weiser
Bildsprache
Und mich mir gar zu ofte Mit Schreyen übertäuben
Hyperbel
Der stolze Dummkopf, Der immer disputiret
Kontrast
Er muß die Wissenschaften Verstehen und verehren, Doch muß die ernste Weisheit Nie sein Gesicht entstellen
Metapher
Und der nur von Monaden, Von andern schlechten Welten
Parallelismus
Er muß die frohen Scherze, Doch feuerreiche Scherze, In seinen Umgang mischen
Personifikation
Der seine Stirn beständig Mit Falten überziehet