Mein Fluß

Eduard Mörike

1828

O Fluß, mein Fluß in Morgenstrahl! Empfange nun, Empfange Den sehnsuchtsvollen Leib einmal Und küsse Brust und Wange! - Er fühlt mit Liebesschauerlust Und jauchzendem Gesange.

Es schlüpft der goldne Sonnenschein In Tropfen an mir nieder, Die Woge wieget aus und ein Die hingegebnen Glieder; Die Arme hab ich ausgespannt, Sie kommt auf mich herzugerannt, Sie faßt und läßt mich wieder.

Du murmelst so, mein Fluß, warum? Du trägst seit alten Tagen Ein seltsam Märchen mit dir um Und mühst dich, es zu sagen; Du eilst so sehr und läufst so sehr, Als müßtest du im Land umher, Man weiß nicht wen, drum fragen.

Der Himmel, blau und kinderrein, Worin die Wellen singen, Der Himmel ist die Seele dein; O laß mich ihn durchdringen! Ich tauche mich mit Geist und Sinn Durch die vertiefte Bläue hin Und kann sie nicht erschwingen!

Was ist so tief, so tief wie sie? Die Liebe nur alleine. Sie wird nicht satt und sättigt nie Mit ihrem Wechselscheine. - Schwill an, mein Fluß, und hebe dich! Mit Grausen übergieße mich! Mein Lieben um des deine!

Du weisest schmeichelnd mich zurück Zu deiner Blumenschwelle. So trage denn allein dein Glück Und wieg auf deiner Welle Der Sonne Pracht, des Mondes Ruh. Nach tausend Irren kehrest du Zur ewg′en Mutterquelle!

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Illustration zu Mein Fluß

Interpretation

Das Gedicht "Mein Fluß" von Eduard Mörike beschreibt die tiefe emotionale Verbindung des lyrischen Ichs zu einem Fluss, der als Symbol für Leben, Liebe und Sehnsucht dient. Der Fluss wird als empfangendes und liebendes Wesen personifiziert, das den Körper des Ichs mit zärtlicher Umarmung aufnimmt und wieder freigibt. Die Natur wird als Spiegel der inneren Gefühle dargestellt, wobei der Fluss als Vermittler zwischen dem Ich und der unergründlichen Tiefe des Himmels fungiert. Das Gedicht thematisiert die unendliche und nie satt werdende Natur der Liebe, die mit der Tiefe des Flusses und des Himmels verglichen wird. Das Ich sehnt sich danach, die Tiefe des Himmels zu durchdringen und zu verstehen, scheitert jedoch an seiner Unergründlichkeit. Die Liebe wird als "Wechselscheine" beschrieben, was auf ihre vergängliche und doch immer wiederkehrende Natur hinweist. Das Ich bittet den Fluss, es mit seiner Tiefe zu überfluten und seine Liebe zu erwidern. Am Ende des Gedichts kehrt das Ich zur Realität zurück und erkennt die Schönheit und den Trost, den der Fluss bietet. Der Fluss wird als Rückkehr zur "ewigen Mutterquelle" beschrieben, was auf die ewige und zyklische Natur des Lebens und der Liebe hinweist. Das Ich akzeptiert die Vergänglichkeit und die ewige Wiederkehr des Lebens und findet Frieden in der Schönheit der Natur und der Liebe.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Anapher
Du murmelst so, mein Fluß, warum? Du trägst seit alten Tagen Ein seltsam Märchen mit dir um Und mühst dich, es zu sagen; Du eilst so sehr und läufst so sehr
Hyperbel
Was ist so tief, so tief wie sie?
Imperativ
Schwill an, mein Fluß, und hebe dich! Mit Grausen übergieße mich!
Metapher
Zur ewg′en Mutterquelle
Personifikation
O Fluß, mein Fluß in Morgenstrahl! Empfange nun, Empfange Den sehnsuchtsvollen Leib einmal Und küsse Brust und Wange!
Vergleich
Der Himmel, blau und kinderrein