Mein Engel kannst du...
1643Mein Engel, kannst du mich nicht lieben, ist meine Not dir nur ein Gaukelspiel? Verlachest Du denn mein Betrüben und hat dein Grausamkeit kein Ziel? Du sagst zwar viel von deiner Güte, doch wo ist Frucht? Ist deine Gunst nur lauter Blüte, so ist dein Brennen nichts als Wassersucht!
Warum willst Du das Tor verschließen, in dem die Liebe Einzug nehmen will? Laß deine Brunst doch sicher schießen und halte meiner Regung still. Du darfst dich nicht, mein Engel, schämen, den Ehrenpreis wird niemand können von dir nehmen, weil ich allein von diesem Diebstahl weiß.
So darf die Furcht dich nicht verblenden, als wenn der Schmerz unüberwindlich sei, ich weiß bereits aus meinen Händen: Die Angeln reißen nicht entzwei. Du wirst als Helden dich begrüßen, wenn etwas Blut gleich möcht aus zarten Adern fließen, genug: du weißt, daß es uns sachte tut.
Will dein Gewissen nicht erschrecken, so denk, die Jugend sei in Glut entbrannt, wer wird in heißen Flammen stecken, dem eine Löschung ist bekannt? Es wird das Alter bald verstören, was Feuer ist, und du wirst solches besser ehren, wenn in der Blüt du abgekühlet bist.
Ich wüßte nicht, was dich sollt neigen, daß deinem Schoß du keine Feier gönnst, ach! Sorge nicht für einen Zeugen, weil Du mein treues Lieben kennst! Die Kunst kommt der Natur zu Hülfe, kein Anker haft′, wenn er gesenkt im ersten Schilfe und nur vom Schlunde nicht wird weggerafft.
Drum laß die Stützen von einander, auf welchem dieses Schloß sich ruht. Du weißt, ich bin nicht Alexander, der alles mit der Hitze tut. Ich will beim Kindchen erst probieren, was Sanftmut sei, und wo er sich wird nicht verlieren, alsdann zerbricht den Trotz die Macht entzwei.
Fort! Laß das warme Etwas schießen, das ich gefühlt und nicht zu nennen weiß, laß diesen Nektar mich umfließen, mach mich in deinen Armen heiß! Dein Auge selber heget Flammen vom bloßen Dunst, laß unsre Hitze doch zusammen, mach mich beseelt durch ganz erteilte Gunst!
Was hilft mir doch ein bloß Berühren, wenn ich die Ros vom Stock nicht pflücken soll, darf ich die schnöden Hände zieren und füllen nicht das Herze voll? Verachte nicht die anderen Glieder, weil keines schlecht - sind dir die Finger nicht zuwider, warum ist dir der Daumen denn nicht recht?
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Interpretation
Das Gedicht "Mein Engel kannst du..." von Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau ist ein leidenschaftliches Plädoyer eines Liebenden an seinen Engel, seine Geliebte. Der Sprecher drückt seine tiefe Sehnsucht und seinen Wunsch nach körperlicher Liebe aus, während er gleichzeitig versucht, die Ängste und Bedenken seiner Geliebten zu zerstreuen. In den ersten Strophen drückt der Sprecher seine Verwirrung und Frustration über die scheinbare Gleichgültigkeit seiner Geliebten aus. Er fragt sich, ob ihre angebliche Güte nur eine leere Versprechung ist und ob ihre "Gunst" nur eine flüchtige Blüte ohne Frucht ist. Er fordert sie auf, die Tür zu ihrem Herzen zu öffnen und seine Liebe willkommen zu heißen. In den folgenden Strophen versucht der Sprecher, die Ängste seiner Geliebten zu zerstreuen. Er versichert ihr, dass der Akt der Liebe nicht schmerzhaft oder demütigend sein wird, sondern dass sie sich danach wie eine Heldin fühlen wird. Er argumentiert auch, dass die Jugend eine Zeit der Leidenschaft und des Verlangens ist und dass es natürlich ist, diesen Trieben nachzugeben. In den letzten Strophen wird der Ton des Gedichts noch leidenschaftlicher und direkter. Der Sprecher fordert seine Geliebte auf, sich ihm hinzugeben und die körperliche Vereinigung zu erleben. Er vergleicht die Liebe mit dem Pflücken einer Rose und argumentiert, dass es unnatürlich sei, einige Teile des Körpers zu verachten, während man andere akzeptiert. Das Gedicht endet mit einem leidenschaftlichen Aufruf zur völligen Hingabe und zur Erfüllung der Liebe.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- [Brunst doch sicher schießen Kindchen erst probieren wenn in der Blüt du abgekühlet bist]
- Anapher
- [Du sagst zwar viel von deiner Güte Laß deine Brunst doch sicher schießen Du darfst dich nicht, mein Engel, schämen]
- Chiasmus
- [mich in deinen Armen heiß mich beseelt durch ganz erteilte Gunst]
- Hyperbel
- [als ob der Schmerz unüberwindlich sei wenn in der Blüt du abgekühlet bist]
- Metapher
- [Mein Engel, kannst du mich nicht lieben Du sagst zwar viel von deiner Güte Warum willst Du das Tor verschließen Du darfst dich nicht, mein Engel, schämen Die Angeln reißen nicht entzwei Die Kunst kommt der Natur zu Hülfe Fort! Laß das warme Etwas schießen Was hilft mir doch ein bloß Berühren]
- Oxymoron
- [Laß deine Brunst doch sicher schießen]
- Personifikation
- [in dem die Liebe Einzug nehmen will weil Feuer ist]
- Rhetorische Frage
- [Mein Engel, kannst du mich nicht lieben? Verlachest Du denn mein Betrüben und hat dein Grausamkeit kein Ziel? Warum willst Du das Tor verschließen?]
- Synästhesie
- [Was hilft mir doch ein bloß Berühren, wenn ich die Ros vom Stock nicht pflücken soll]
- Vergleich
- [Ist deine Gunst nur lauter Blüte, so ist dein Brennen nichts als Wassersucht Ich will beim Kindchen erst probieren, was Sanftmut sei]