Meier
Ein junger Mann mit Namen Meier
Lief täglich vor ihr auf und ab.
Er gab ihr fünfundzwanzig Dreier,
Daß sie ihm ihre Liebe gab.
Sie zählte sehr besorgt die Pfennige
Und legte sie in einen Schrank.
Allein es schienen ihr zu wenige,
Sie wünschte etwas Silber mang.
Er dachte an die Ladenkasse.
Und eines Tages ward bekannt,
Daß Rosa sich betreffs befasse,
Doch Meier sich in Haft befand.
So geht es in der Welt zuweilen:
Der erste mußt′ die Klinke ziehen –
Der zweite soll sich nur beeilen,
Das Fräulein wartet schon auf ihn.
Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Meier“ von Klabund ist eine sarkastische Beobachtung über Liebe, Geld und die daraus resultierenden Konsequenzen. Es zeichnet ein scharfes Bild der käuflichen Liebe und der damit verbundenen menschlichen Abgründe, indem es die Geschichte eines Mannes namens Meier und einer Frau namens Rosa in knappen, prägnanten Versen erzählt. Die Geschichte ist weniger eine Liebeserklärung als eine Abrechnung mit den kommerziellen Aspekten von Zuneigung und der Verführung durch materielle Werte.
In den ersten beiden Strophen wird die Beziehung zwischen Meier und Rosa etabliert. Meier, dargestellt als jemand, der bereit ist, für Zuneigung zu zahlen, gibt Rosa „fünfundzwanzig Dreier“, um ihre Liebe zu erkaufen. Rosa, charakterisiert durch ihr praktisches Denken, zählt das Geld sorgfältig und legt es beiseite, wobei ihr Mangel an Silber signalisiert, dass sie nach mehr strebt. Diese Szene unterstreicht die Oberflächlichkeit der Beziehung, die auf materiellen Werten basiert. Die Liebe wird hier als eine Ware behandelt, die käuflich ist, und Rosa verkörpert die kalte Kalkulation, die diese Art von Beziehung prägt.
Die dritte Strophe markiert den Wendepunkt und die Konsequenzen. Meier greift zur „Ladenkasse“, was darauf hindeutet, dass er sich des Diebstahls schuldig macht, um Rosas Wünsche zu erfüllen. Das Gedicht lässt offen, ob Meier das Geld für Rosa stehlen wollte oder ob er es für sich behielt. Die Ironie liegt darin, dass er trotz seiner Bemühungen, Rosas Gunst zu erlangen, scheitert und ins Gefängnis kommt. Rosa wird als gleichgültig dargestellt, sie „befasst sich“ mit etwas, während Meier die Konsequenzen seines Handelns tragen muss.
Die abschließende Strophe enthält eine zynische Moral. Das Gedicht weist auf die Flüchtigkeit solcher Beziehungen hin. Meier wird durch einen anderen Mann, der darauf wartet, Rosas Aufmerksamkeit zu erlangen, ersetzt. Die letzte Zeile, „Das Fräulein wartet schon auf ihn“, unterstreicht die Zirkularität des Prozesses, in dem materielle Interessen die treibende Kraft sind. Klabund nutzt hier eine lakonische Sprache, um die Hohlheit und das Elend solcher Beziehungen darzustellen. Die Verwendung von einfachen Reimen und einer klaren Sprache verstärkt die Wirkung des Gedichts und macht die Botschaft unmissverständlich.
Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.
Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.