Meerwunder

Gertrud Kolmar

1472

Als ich das Kind mit grünen Augensternen, Dein zartes, wunderbares Kind empfing, Erbrausten salzge Wasser in Zisternen, Elmsfeuer funkelten aus Hoflaternen, Und Nacht trug den Korallenring.

Und deiner Brust entwehte Algenmähne So grün, so grün mit stummer Melodie. Sehr sachte Fluten plätscherten um Kähne, Im schwarzen Traumschilf sangen große Schwäne, Und nur wir beide hörten sie.

Du warst den Meeren mitternachts entstiegen Mit eisig blankem, triefend kühlem Leib. Und Wellenwiegen sprach zu Wellenwiegen Von unserm sanften Beieinanderliegen, Von deinen Armen um ein Weib.

Seejungfern hoben ungeschaute Tänze, Und wilde Harfen tönten dunkel her, Und Mond vergoß sein silbernes Geglänze Um den Perlmutterglast der Schuppenschwänze; Mein Linnen duftete vom Meer.

Und wieder wachten Hirten bei den Schafen Wie einst… und glomm ein niebenannter Stern. Und Schiffe, die an fremder Küste schlafen, Erbebten leis und träumten von dem Hafen Der Heimat, die nun klein und fern.

Tierblumen waren fächelnd aufgebrochen, In meinen Schoß verstreut von deiner Hand; Um meine Füße zuckten Adlerrochen, Und Kinkhorn und Olivenschnecke krochen Auf meiner Hüfte weißen Sand.

Und deine blaß-beryllnen Augen scheuchten Gekrönte Nattern heim in Felsenschacht, Doch Lachse sprangen schimmernder im Feuchten; An Wogenkämmen sprühte blaues Leuchten Wie aus dem Rabenhaar der Nacht.

Oh du! Nur du! Ich spülte deine Glieder Und warb und klang und schäumte über dir. Und alle Winde küßten meine Lider, Und alle Wälder stürzten in mich nieder, Und alle Ströme mündeten in mir.

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Illustration zu Meerwunder

Interpretation

Das Gedicht "Meerwunder" von Gertrud Kolmar erzählt von einer tiefen, fast mystischen Begegnung zwischen dem lyrischen Ich und einer geliebten Person, die als aus dem Meer Kommender dargestellt wird. Die Begegnung ist von einer magischen, naturverbundenen Atmosphäre durchdrungen, in der sich die Elemente Meer, Nacht und Mond zu einer sinnlichen Einheit verbinden. Die Geburt eines Kindes wird als wundersames Ereignis beschrieben, das die Grenzen zwischen Mensch und Natur aufhebt. Die Sprache des Gedichts ist reich an Bildern und Metaphern, die das Meer als Ort des Ursprungs und der Sehnsucht symbolisieren. Die Person, die das lyrische Ich empfängt, wird als Meereswesen beschrieben, das mit "eisig blankem, triefend kühlem Leib" aus den Tiefen des Meeres aufsteigt. Die Umgebung reagiert auf diese Begegnung mit einer Symphonie aus Naturgeräuschen und -bildern, die die Intensität des Moments unterstreichen. Das Gedicht endet mit einer Liebeserklärung, in der das lyrische Ich sich selbst als Meer versteht, das den Geliebten umschließt und nährt. Die Vereinigung von Mensch und Natur, von Ich und Du, wird als ein fließender, unendlicher Prozess dargestellt, in dem alle Elemente der Natur in einer harmonischen Einheit aufgehen.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Und Wellenwiegen sprach zu Wellenwiegen
Bildsprache
An Wogenkämmen sprühte blaues Leuchten
Hyperbel
Und alle Winde küßten meine Lider
Metapher
Und warb und klang und schäumte über dir
Personifikation
Und alle Wälder stürzten in mich nieder
Symbolik
Um den Perlmutterglast der Schuppenschwänze
Synästhesie
Und deine blaß-beryllnen Augen scheuchten
Vergleich
Wie aus dem Rabenhaar der Nacht