"Masse Mensch"

Kurt Tucholsky

1907

Ich bin die Masse. Ich bin niemand und alle. Ich fühle mich und ahne dumpf, was ich will. Wenn ich mich einmal zusammenballe, wird das einzelne Ding in mir still. Ein Ruf nur: “Rule Britannia -!”

Untertauchen in mir Angestellte und Fabrikanten, Volksschullehrerinnen und Präsidenten vom Fußballverein; alle sehen mit dem gleichen gespannten Ausdruck nach vorn - alle sind nur noch ein Leib, ein Herz, eine einzige Demokratie: “Allons, enfants de la patrie -!”

Hunderttausend Willen sind in meinem - aber ich bin mehr als die Hunderttausend. Tausend Gesichter habe ich und habe doch kein Gesicht. Mein ist die Stadt, wenn ich rufend und brausend durch die Straßen ziehe, Mann gegen Mann, bis an die Häuser gepresst, dicht… “Deutschland über alles -!”

Ich bin die Masse. Ich bin niemand und alle. In mir bist du geborgen. Ich bin ein Wilder, ein wankelmütiges Kind. Was ich heute gewollt, habe ich morgen vergessen. Ich falle, laufen sie auseinander, zusammen wie Laub im Wind. Man kann mich belügen. Aber nur einmal betören… Ich bin die Kraft jedes Volkes. Und du sollst auf mich hören,

Theobald Tiger

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Illustration zu "Masse Mensch"

Interpretation

Das Gedicht "Masse Mensch" von Kurt Tucholsky thematisiert die Macht und die Ambivalenz der Masse als kollektive Einheit. Der Sprecher identifiziert sich als "Masse" und beschreibt sie als eine anonyme, aber mächtige Kraft, die sowohl "niemand" als auch "alle" ist. Die Masse wird als ein sich selbst organisierendes und emotionales Wesen dargestellt, das in der Lage ist, sich zu vereinen und zu mobilisieren, wie in den Aufrufen "Rule Britannia" und "Allons, enfants de la patrie" deutlich wird. Die Masse wird als eine demokratische Einheit beschrieben, in der sich verschiedene soziale Schichten und Individuen vereinen, um ein gemeinsames Ziel zu verfolgen. Sie wird als "ein Leib, ein Herz, eine einzige Demokratie" charakterisiert, was ihre Fähigkeit zur Solidarität und zum kollektiven Handeln unterstreicht. Gleichzeitig wird die Masse als ein unberechenbares und wandelbares Wesen dargestellt, das "ein wankelmütiges Kind" ist und leicht zu beeinflussen ist, aber auch eine große Kraft besitzt, die "jedes Volkes". Das Gedicht endet mit einem Appell an den Einzelnen, auf die Masse zu hören und ihre Macht zu erkennen. Die Masse wird als eine "Kraft jedes Volkes" beschrieben, die sowohl zerstörerisch als auch konstruktiv sein kann. Tucholsky nutzt das Gedicht, um die Ambivalenz der Masse als kollektive Einheit zu verdeutlichen und ihre Rolle in der Gesellschaft zu reflektieren.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

Wortwolke zu "Masse Mensch"

Stilmittel

Alliteration
Hunderttausend Willen
Anapher
Ich bin die Masse. Ich bin niemand und alle.
Apostrophe
Und du sollst auf mich hören
Hyperbel
Hunderttausend Willen sind in meinem
Kontrast
Ich bin niemand und alle
Metapher
Ich bin die Masse
Oxymoron
Ich bin niemand und alle
Parallelismus
Ich bin die Masse. Ich bin niemand und alle.
Personifikation
Ich bin die Masse
Symbolik
Deutschland über alles