Mary

Georg Ludwig Weerth

1822

Von Irland kam sie mit der Flut, Sie kam von Tipperary; Sie hatte warmes, rasches Blut, Die junge Dirn, die Mary. Und als sie keck ans Ufer sprang, Da riefen die Matrosen: “Die Dirne Mary, Gott sei Dank, Gleicht einer wilden Rosen!”

Und als sie schritt zum Markte frank, Sprach ein Gesell mit Grüßen: “Die Dirne Mary, Gott sei Dank, Geht auf zwei weißen Füßen.” Und als sie saß zu Liverpool Mit schwarz verwegnen Blicken, Da wollten sich um ihren Stuhl Die Menschen schier erdrücken.

Von Irland kam sie mit der Flut, Sie kam von Tipperary: “Wer kauft Orangen, frisch und gut?” So rief die Dirn, die Mary. Und Mohr und Perser und Mulatt Und Juden wie Getaufte - Das ganze Volk der Handelsstadt, Es kam und kaufte, kaufte.

Da fuhr kein Schiff den Fluss hinauf, Da schwamm auch keins zum Meere: Saß ein verliebter Schiffsjung drauf Und dacht: Oh, wenn ich wäre Erst auf dem Markt zu Liverpool, Da sitzt von Tipperary, Mit den Orangen auf dem Stuhl, Die junge Dirn, die Mary!

Gab es wohl größre Liebe je? Die Dirn am Mersey-Strande Hatt tausend Schätze auf der See Und mehr noch auf dem Lande. In jeder Zone, wo der Mast Von einem Fahrzeug krachte, Schwamm eine Seemannsseele fast, Die an Orangen dachte. -

Sie aber trotzte wild und keck, Ob auch die Lippen brannten, Stets an des Markts geschäft’ger Eck Den bärtigen Bekannten. O Leid um all die frischen Küss - Sie hatte kein Erbarmen, Sie fluchte, schrie, und ach, sie riss Sich los aus allen Armen!

Und mit dem Geld, das sie gewann Für saft’ge, goldne Früchte, Lief hurtig sie nach Hause dann Mit zornigem Gesichte. Sie nahm das Geld und schloss; es ein; Und erst im Januare Gen Irland sandte flink und fein Das blanke sie und bare.

“Das ist für meines Volkes Heil, Das schenk ich euern Kassen! Auf, schärft den Säbel und das Beil Und schürt das alte Hassen! Wild überwuchern möchte gern Den Klee von Tipperary Die Rose England - grüßt den Herrn O’Connell von der Mary.”

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Illustration zu Mary

Interpretation

Das Gedicht "Mary" von Georg Ludwig Weerth erzählt die Geschichte einer jungen irischen Frau, die nach Liverpool kommt, um Orangen zu verkaufen. Die Ballade zeichnet ein lebhaftes Bild von Marys Ankunft, ihrer Schönheit und ihrer Anziehungskraft auf die Menschen in der Handelsstadt. Die Matrosen und die Menschen auf dem Markt sind von ihr begeistert, und sie wird zum Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Marys Geschäft ist erfolgreich, und sie zieht Kunden aus allen Schichten und Nationen an. Das Gedicht vermittelt die Vorstellung, dass ihre Orangen begehrt sind und dass sie mit ihrem Verkauf großen Erfolg hat. Die Seefahrer träumen von ihr und den Orangen, was die romantische und begehrte Natur ihrer Person unterstreicht. Am Ende des Gedichts zeigt sich jedoch eine überraschende Wendung. Mary, die bisher als freizügig und unabhängig dargestellt wurde, sammelt ihr Geld und schickt es nach Irland. Dort soll es dem Kampf gegen die englische Herrschaft dienen. Die Ballade endet mit einem Aufruf zum Kampf und einer Grüßbotschaft an den irischen Freiheitskämpfer Daniel O'Connell. Das Gedicht verbindet somit die Themen Liebe, Handel und politischer Widerstand zu einer vielschichtigen Erzählung.

Schlüsselwörter

mary kam tipperary dirn irland orangen flut junge

Wortwolke

Wortwolke zu Mary

Stilmittel

Alliteration
Saß ein verliebter Schiffsjung drauf
Enjambement
Da fuhr kein Schiff den Fluss hinauf, / Da schwamm auch keins zum Meere
Hyperbel
Sie hatte tausend Schätze auf der See und mehr noch auf dem Lande
Kontrast
Wärme und rasches Blut vs. kalte Geschäftigkeit
Metapher
Die junge Dirn, die Mary gleicht einer wilden Rosen
Personifikation
Die Rose England möchte gern den Klee von Tipperary überwuchern
Wiederholung
Die Dirn, die Mary