Martje Flors Trinkspruch

Detlev von Liliencron

1844

Vor Tönning, auf Katharinenherd, Zechen Steenbocks Offiziere. Sie haben fleißig die Humpen geleert, Der Weiser zeigt auf früh viere.

Durchs Fenster glüht das Morgenrot Auf die trunknen Cavaliere, Auf ihre Sturmhauben á la Don Quixote, Die verschobnen Bandeliere.

Auf im Nacken schwankenden Federhut, Auf Koller und spiegelnde Sporen, Auf ihr in Hitze geratnes Blut, Auf manchen “hochedelgeboren”.

Der eine hat’s Elend, der andere lacht, Zwei haben den Pallasch gezogen, Der stiert vor sich hin wie in Geistesnacht, Der äfft nach den Fidelbogen.

Zwei andre halten Verbrüderungsfest, “Herzbruder” schwimmt im Pokale. Und der unten am Tisch säuft Rest aus auf Rest Und denkt an keine Finale.

Da tritt ein kleines Mädchen herein, Und steht mitten im wüsten Quartiere. Martje Flor ist’s, des Wirtes Töchterlein, Zehn Jahr’ nach dem Taufpapiere.

Sie nimmt das erste beste Glas Und hebt sich auf die Zehe: “Auf daß es im Alter, ich trink euch das, Im Alter uns wohlergehe”.

Mit weit offnem Munde, mit bleichem Gesicht Steht die ganze besoffne Bande Und starrt entsetzt und rührt sich nicht, Und steht wie am Abgrundsrande. -

In Schleswig denken sie heut noch erbost An die schwedschen Klauen und Klingen Und denken dankbar an Martjes Toast, Wenn sie die Becher schwingen.

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Illustration zu Martje Flors Trinkspruch

Interpretation

Das Gedicht "Martje Flors Trinkspruch" von Detlev von Liliencron schildert eine ausgelassene Szene betrunkener Offiziere in Tönning. Die Männer haben die Nacht hindurch ausgelassen gefeiert und sind tief in ihrem Rausch versunken. Die Atmosphäre ist chaotisch und ungeordnet, die Offiziere liegen in ihren Uniformen mit verschobenen Bandolieren und präsentieren ein Bild der Verwahrlosung und des Exzesses. Die Stimmung ändert sich schlagartig, als Martje Flor, das zehnjährige Mädchen des Wirtes, den Raum betritt. Mit einer unerwarteten Reife und Würde ergreift sie ein Glas und erhebt einen Trinkspruch, der alle Anwesenden zum Innehalten bringt. Ihr Wunsch, dass es ihnen im Alter gut ergehe, wirkt wie ein Weckruf für die betrunkenen Männer, die vor Schreck und Ehrfurcht erstarren. Martjes Worte durchbrechen die Trunkenheit und erinnern die Offiziere an die Werte und Verantwortlichkeiten, die sie als Erwachsene und als Teil der Gesellschaft tragen. Die Wirkung von Martjes Trinkspruch reicht über den Moment hinaus und wird in Schleswig noch lange in Erinnerung behalten. Die Offiziere, die zuvor in ihrer Trunkenheit gefangen waren, erkennen die Bedeutung ihrer Pflichten und die Wichtigkeit des Schutzes der Gemeinschaft. Martjes einfache, aber tiefgründige Geste wird zu einem Symbol der Hoffnung und des Zusammenhalts, das die Menschen in Schleswig dazu inspiriert, dankbar auf ihre gemeinsame Geschichte und ihre Verbundenheit zurückzublicken.

Schlüsselwörter

steht zwei rest alter denken tönning katharinenherd zechen

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Stilmittel

Alliteration
Sturmhauben á la Don Quixote
Beschreibung
Zehn Jahr' nach dem Taufpapiere
Bildsprache
Durchs Fenster glüht das Morgenrot
Direkte Rede
Auf daß es im Alter, ich trink euch das, Im Alter uns wohlergehe
Hyperbel
Mit weit offnem Munde, mit bleichem Gesicht
Kontrast
Und denkt an keine Finale
Metapher
Auf die trunknen Cavaliere
Personifikation
Der Weiser zeigt auf früh viere
Symbolik
Martje Flor ist's, des Wirtes Töchterlein