Mariechen
1854Mariechen saß am Rocken, Im Grase schlummert ihr Kind; Durch ihre schwarzen Locken Weht kühl der Abendwind.
Sie saß so sinnend, so traurig, So ernst und geisterbleich; Dunkle Wolken zogen schaurig, Und Wellen schlug der Teich.
Der Reiher kreist über dem Rohre, Die Möve streift wild umher, Der Staub fegt wirbelnd am Wege, Schon fielen die Tropfen schwer.
Und schwer von Mariechens Wangen Die heiße Thräne rinnt, Und weinend in ihre Arme Schließt sie ihr schlummernd Kind.
Wie schläfst Du so ruhig und träumest, Du armer, verlassner Wurm! Es donnert, die Tropfen fallen, Die Bäume schüttelt der Sturm!
Dein Vater hat Dich vergessen, Dich und die Mutter Dein; Du bist, Du armer Waise, Auf der weiten Erde allein!
Dein Vater lebt lustig in Freuden; Gott laß es ihm wohl ergehn; Es weiß nichts von uns Beiden, Will Dich und mich nicht sehn!
Und stürz’ ich, während Du schlummerst, Mit Dir in den tiefen See, Dann sind wir Beide geborgen, Vorüber ist Gram und Weh! –
Da öffnet das Kind die Augen, Blickt freundlich auf und lacht; Die Mutter schluchzt und preßt es An ihre Brust mit Macht!
Nein, nein! wir wollen leben, Wir Beide, Du und ich! Deinem Vater sey vergeben, – Wie selig macht er mich! –
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Interpretation
Das Gedicht "Mariechen" von Joseph Christian von Zedlitz handelt von einer Mutter, die am Rocken sitzt und ihr schlafendes Kind im Gras bewacht. Die Stimmung ist düster und melancholisch, während sich eine Gewitterfront nähert. Die Mutter sinnt traurig über ihre einsame Situation nach, da der Vater des Kindes sie und das Kind verlassen hat und ein sorgloses Leben führt. Sie erwägt sogar, mit dem Kind in den Teich zu stürzen, um dem Kummer ein Ende zu setzen. Doch als das Kind aufwacht und sie anlächelt, besinnt sie sich eines Besseren und beschließt, mit dem Kind zusammenzuleben und den Vater zu verzeihen. Das Gedicht thematisiert die Einsamkeit und Verlassenheit einer jungen Mutter und die bedingungslose Liebe zu ihrem Kind. Die Natur spiegelt die innere Zerrissenheit der Protagonistin wider - das aufziehende Gewitter symbolisiert ihre aufgewühlten Gefühle. Die dramatische Situation kulminiert in dem Gedanken an einen gemeinsamen Selbstmord, doch das Lächeln des Kindes lässt die Mutter umdenken. Sie entscheidet sich für das Leben und die Vergebung, was auf eine gewisse Resignation und Selbstaufgabe schließen lässt. Das Gedicht vermittelt eine tiefe emotionale Intensität und zeigt die Ambivalenz zwischen Verzweiflung und Hoffnung, Selbstaufgabe und mütterlicher Liebe.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Sitzt so sinnend, so traurig, So ernst und geisterbleich;
- Bildsprache
- Dunkle Wolken zogen schaurig, Und Wellen schlug der Teich.
- Hyperbel
- Es donnert, die Tropfen fallen, Die Bäume schüttelt der Sturm!
- Ironie
- Deinem Vater sey vergeben, – Wie selig macht er mich! –
- Kontrast
- Dein Vater lebt lustig in Freuden; Gott laß es ihm wohl ergehn;
- Metapher
- Du armer, verlassner Wurm!
- Personifikation
- Durch ihre schwarzen Locken Weht kühl der Abendwind.
- Symbolik
- Mit Dir in den tiefen See