Mariä Sehnsucht
1834Es ging Maria in den Morgen hinein, Tat die Erd einen lichten Liebesschein, Und über die fröhlichen, grünen Höhn Sah sie den bläulichen Himmel stehn. »Ach, hätt ich ein Brautkleid von Himmelsschein, Zwei goldene Flüglein - wie flög ich hinein!« -
Es ging Maria in stiller Nacht, Die Erde schlief, der Himmel wacht′, Und durchs Herze, wie sie ging und sann und dacht, Zogen die Sterne mit goldener Pracht. »Ach, hätt ich das Brautkleid von Himmelsschein, Und goldene Sterne gewoben drein!«
Es ging Maria im Garten allein, Da sangen so lockend bunt Vögelein, Und Rosen sah sie im Grünen stehn, Viel rote und weiße so wunderschön. »Ach hätt ich ein Knäblein, so weiß und rot, Wie wollt ichs lieb haben bis in den Tod!«
Nun ist wohl das Brautkleid gewoben gar, Und goldene Sterne im dunkelen Haar, Und im Arme die Jungfrau das Knäblein hält, Hoch über der dunkelerbrausenden Welt, Und vom Kindlein gehet ein Glänzen aus, Das ruft uns nur ewig: nach Haus, nach Haus!
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Interpretation
Das Gedicht "Mariä Sehnsucht" von Joseph von Eichendorff beschreibt die Sehnsucht Marias nach der Vereinigung mit Gott. In den drei Strophen durchlebt Maria verschiedene Phasen ihrer Sehnsucht, die sich jeweils auf eine andere Ebene beziehen. In der ersten Strophe sehnt sich Maria nach einem Brautkleid aus Himmelsschein und goldenen Flügeln, um in den Himmel aufsteigen zu können. Die Natur wird als Ausdruck göttlicher Schönheit und Harmonie dargestellt, was Marias Verlangen nach der himmlischen Sphäre verstärkt. Die zweite Strophe zeigt Maria in der stillen Nacht, wo sie die Sterne betrachtet und sich nach einem Brautkleid mit goldenen Sternen sehnt. Hier wird die Verbindung zwischen der irdischen und der himmlischen Welt betont, wobei die Sterne als Brücke dienen. Die dritte Strophe verlagert die Sehnsucht Marias auf die irdische Ebene. Sie sehnt sich nach einem Kind, das so weiß und rot wie die Rosen im Garten ist. Diese Sehnsucht wird als Ausdruck ihrer mütterlichen Liebe und Fürsorge interpretiert. In der letzten Strophe wird die Erfüllung aller Sehnsüchte Marias dargestellt. Sie trägt das Brautkleid mit goldenen Sternen und hält das Kindlein in den Armen. Das Kind strahlt ein Glänzen aus, das die Menschen nach Hause ruft und somit die Vereinigung mit Gott symbolisiert.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- Das ruft uns nur ewig: nach Haus, nach Haus!
- Hyperbel
- Wie wollt ichs lieb haben bis in den Tod!
- Metapher
- Ach, hätt ich ein Brautkleid von Himmelsschein
- Personifikation
- Tat die Erd einen lichten Liebesschein
- Symbolik
- goldene Sterne im dunkelen Haar