Marengo

Georg Heym

1887

Schwarzblau der Alpen, und der kahlen Flur, Die Südsturm drohn. Mit Wolken tief verhangen Ist grau das Feld. Ein ungeheures Bangen Beengt den Tag. Den Atem der Natur

Stopft eine Faust. Hinab die Lombardei Ist Totenstille. Und kein Gras, kein Baum. Das Röhricht regt kein Wind im leeren Raum. Kein Vogel streift in niedrer Luft vorbei.

Fern sieht man Wagen, wo sich langsam neigt Ein Brückenpaar. Man hört den dumpfen Fall Am Wasser fort. Und wieder droht und schweigt

Verhängnis dieses Tags. Ein weißer Ball, Die erste der Granaten. Und es steigt Der Sturm herauf des zweiten Prairial.

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Illustration zu Marengo

Interpretation

Das Gedicht "Marengo" von Georg Heym schildert eine bedrückende und bedrohliche Atmosphäre kurz vor einer Schlacht. Die Landschaft wird als düster und leblos beschrieben, mit schwarzblauen Alpen, kahler Flur und einem grauen Feld unter tief hängenden Wolken. Die Natur scheint den Atem anzuhalten, als ob eine Faust sie daran hindert zu atmen. Die Lombardei wird als Totenstille dargestellt, ohne Gras oder Bäume, und kein Wind regt das Röhricht im leeren Raum. Die Stille wird nur durch das ferne Geräusch von Wagen unterbrochen, die sich über eine Brücke bewegen, und das dumpfe Geräusch von Wasser. Die bedrohliche Stimmung wird durch die Wiederholung von "droht" und "schweigt" verstärkt, was auf ein bevorstehendes Unheil hindeutet. Das "Verhängnis dieses Tags" deutet auf eine fatale Wendung der Ereignisse hin. Der "weiße Ball" der ersten Granate markiert den Beginn der Schlacht und den Aufstieg des Sturms des zweiten Prairial, was auf den 20. Mai 1800 verweist, den Tag der Schlacht von Marengo. Das Gedicht vermittelt somit die Spannung und das Grauen vor der bevorstehenden Schlacht, indem es die Landschaft und die Natur als Spiegelbild der menschlichen Emotionen und der drohenden Gewalt nutzt.

Schlüsselwörter

kein schwarzblau alpen kahlen flur südsturm drohn wolken

Wortwolke

Wortwolke zu Marengo

Stilmittel

Alliteration
Hinab die Lombardei Ist Totenstille.
Bildsprache
Kein Gras, kein Baum. Das Röhricht regt kein Wind im leeren Raum.
Hyperbel
Ein ungeheures Bangen Beengt den Tag.
Kontrast
Schwarzblau der Alpen, und der kahlen Flur
Metapher
Den Atem der Natur Stopft eine Faust.
Onomatopoesie
Man hört den dumpfen Fall Am Wasser fort.
Personifikation
Mit Wolken tief verhangen Ist grau das Feld.