Mann und Weib

Friedrich Theodor Vischer

1939

Nach Freiheit strebt das Weib, der Mann nach Regel. Gebieten mag die Laune, spricht das Weib; Gesetz und Rhythmus herrsche, spricht der Mann. So kann es kommen, daß er Sklaven zieht, Und kann auch kommen, daß er Sklave wird, Vielleicht auch Beides: herrisch und servil, Im Kleinen selbst nicht läßlich, ein Pedant. Drum ist ihm die Genossin beigegeben, Daß seines Lebens hartem Winkelmaß Das Spiel der freien Linie nicht fehle. Drum ist ihr der Genosse beigegeben, Damit der Ranke nicht der Stab gebreche.

Ein großer Dichter sagt das Gegentheil; Doch fällt mir da aus meinem Hegel ein, Wie hübsch er sagt: anstatt Entweder Oder Sei in den Fragen, welche tiefer liegen, Ein Sowohl Alsauch meistentheils zu setzen. Zwei Sätze, die als Widerspruch erscheinen – Wer tiefer denkt, kann schließlich sie vereinen.

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Mann und Weib

Interpretation

Das Gedicht "Mann und Weib" von Friedrich Theodor Vischer handelt von den unterschiedlichen Charaktereigenschaften und Bestrebungen von Mann und Frau. Der Mann strebt nach Regel und Gesetz, während die Frau nach Freiheit strebt. Diese Unterschiede können zu Konflikten führen, bei denen der Mann entweder zum Sklaven oder zum Tyrannen wird. Das Gedicht betont jedoch auch die Notwendigkeit der Ergänzung und des Ausgleichs zwischen Mann und Frau. Der Mann braucht die Frau als Genossin, um das Spiel der freien Linie in sein hartes Winkelmaß des Lebens zu integrieren. Die Frau wiederum braucht den Mann als Stab, um den Ranke nicht zu brechen. Vischer schließt das Gedicht mit einem Hinweis auf einen großen Dichter, der das Gegenteil behauptet. Er zitiert Hegel und plädiert für ein Sowohl-als-auch statt eines Entweder-oder bei tieferen Fragen. Die scheinbar widersprüchlichen Sätze können durch tieferes Nachdenken vereint werden.

Schlüsselwörter

kann weib mann spricht kommen drum beigegeben sagt

Wortwolke

Wortwolke zu Mann und Weib

Stilmittel

Allusion
Ein großer Dichter sagt das Gegentheil; Doch fällt mir da aus meinem Hegel ein.
Chiasmus
Im Kleinen selbst nicht läßlich, ein Pedant.
Gegenüberstellung
Nach Freiheit strebt das Weib, der Mann nach Regel.
Kontrast
Gebieten mag die Laune, spricht das Weib; Gesetz und Rhythmus herrsche, spricht der Mann.
Metapher
Daß seines Lebens hartem Winkelmaß Das Spiel der freien Linie nicht fehle.
Parallelismus
So kann es kommen, daß er Sklaven zieht, Und kann auch kommen, daß er Sklave wird.
Personifikation
Damit der Ranke nicht der Stab gebreche.
Rhetorische Frage
Anstatt Entweder Oder Sei in den Fragen, welche tiefer liegen, Ein Sowohl Alsauch meistentheils zu setzen.
Syntaktische Parallelität
Zwei Sätze, die als Widerspruch erscheinen – Wer tiefer denkt, kann schließlich sie vereinen.