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Manchmal fühlt sie

Von

Manchmal fühlt sie: Das Leben ist groß,
wilder, wie Ströme, die schäumen,
wilder, wie Sturm in den Bäumen.
Und ]eise läßt sie die Stunden los
und schenkt ihre Seele den Träumen.

Dann erwacht sie. Da steht ein Stern
still überm leisen Gelände,
und ihr Haus hat ganz weiße Wände –
Da weiß sie: Das Leben ist fremd und fern –
und faltet die alternden Hände.

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Gedicht: Manchmal fühlt sie von Rainer Maria Rilke

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Manchmal fühlt sie“ von Rainer Maria Rilke beschreibt einen tiefgreifenden Wechsel im Erleben einer ungenannten Frau, der zwischen zwei gegensätzlichen Gefühlswelten oszilliert. Im ersten Teil des Gedichts erlebt die Protagonistin das Leben als etwas Großes und Wildes, das an die ungestüme Kraft von Strömen und Stürmen erinnert. Dieses euphorische Gefühl lässt sie die Zeit loslassen und sich ihren Träumen hingeben, was auf eine Phase der intensiven Lebendigkeit und Sinnlichkeit hindeutet.

Der zweite Teil des Gedichts markiert einen radikalen Umschwung. Der Stern, der still am Himmel steht, und die weißen Wände ihres Hauses symbolisieren Stille, Distanz und Isolation. In dieser Phase erkennt die Frau die Fremdheit und Ferne des Lebens, ein Gefühl der Entfremdung und Verlorenheit, das durch das Falten ihrer alternden Hände noch verstärkt wird. Dieser Moment der Erkenntnis suggeriert die Vergänglichkeit des Lebens und die Trauer über die Unfähigkeit, die ursprüngliche Lebendigkeit dauerhaft zu bewahren.

Die Gegenüberstellung von Wildheit und Stille, Nähe und Ferne, Träumen und Realität spiegelt die menschliche Erfahrung von Hochs und Tiefs wider. Rilke fängt die Ambivalenz des Lebens ein, die Momente der Freude und des ekstatischen Erlebens mit Phasen der Melancholie und des Bewusstseins der eigenen Sterblichkeit verbindet. Der Kontrast zwischen den beiden Teilen des Gedichts verdeutlicht die Zerrissenheit der Seele und die Unbeständigkeit menschlicher Gefühle.

Die Sprache des Gedichts ist präzise und bildhaft. Rilke bedient sich kraftvoller Metaphern, um die emotionalen Zustände der Protagonistin zu vermitteln. Die Ströme, der Sturm und der Stern dienen als Sinnbilder für die inneren Erlebnisse der Frau und verleihen dem Gedicht eine tiefe, fast meditative Qualität. Das Gedicht lädt den Leser dazu ein, über die Dualität des Lebens, die Vergänglichkeit der Gefühle und die Suche nach Sinn nachzudenken.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.