Man schreit und lärmt und ereifert sich...

Cäsar Flaischlen

1864

Man schreit und lärmt und ereifert sich, man findet es dumm und lächerlich und gegen allen Anstand und Brauch, man ruft die Polizei zu Hilfe, und diese kommt und verbietet es auch und sperrt die Straßen und rasselt mit Ketten und tut, soviel sie irgend kann, die bedrohte Bürgerruhe zu retten.

Und ein paar Jahre später, gib acht, ist alles, worob man den Lärm gemacht, wofür man ereifert sich und erregt, wogegen man Himmel und Hölle bewegt … kein Mensch weiß, wie es eigentlich kam: so selbstverständlich, so alltäglich, so eingefügt in den ganzen Lauf und mit Sitte und Anstand so wohl verträglich, als wär man′s gewöhnt so von Jugend auf.

(aus: Aus den Lehr- und Wanderjahren des Lebens)

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Illustration zu Man schreit und lärmt und ereifert sich...

Interpretation

Das Gedicht "Man schreit und lärmt und ereifert sich..." von Cäsar Flaischlen beschreibt den Wandel gesellschaftlicher Normen und Werte im Laufe der Zeit. Es beginnt mit einer lebendigen Darstellung der anfänglichen Ablehnung und des Widerstands gegen etwas Neues oder Ungewöhnliches. Die Menschen reagieren mit Lärm, Aufregung und Empörung, betrachten es als dumm und lächerlich und rufen sogar die Polizei zu Hilfe, um die "bedrohte Bürgerruhe" zu retten. Der zweite Teil des Gedichts springt einige Jahre voraus und zeigt, wie sich die anfängliche Ablehnung in Selbstverständlichkeit und Akzeptanz verwandelt hat. Das, was einst als lärmend, dumm und anstößig galt, ist nun so alltäglich und in den gesellschaftlichen Lauf integriert, dass niemand mehr weiß, wie es eigentlich dazu kam. Es ist zu einem Teil der Sitte und des Anstands geworden, als ob man es schon immer gekannt hätte. Flaischlen verdeutlicht damit den zyklischen Charakter gesellschaftlicher Entwicklungen. Was heute noch als radikal oder unerhört gilt, kann morgen zur Normalität gehören. Das Gedicht regt zum Nachdenken über die Vergänglichkeit von Normen und Werten an und mahnt zur Toleranz gegenüber Neuem und Ungewohntem, da sich die Gesellschaft ständig weiterentwickelt und verändert. Insgesamt vermittelt das Gedicht eine zeitlose Botschaft über die Anpassungsfähigkeit des Menschen und die Unvermeidlichkeit des Wandels. Es erinnert daran, dass das, was wir heute als unvereinbar mit unseren Werten betrachten, in der Zukunft vielleicht zur Selbstverständlichkeit gehört.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Anapher
Man schreit und lärmt und ereifert sich, man findet es dumm und lächerlich und gegen allen Anstand und Brauch, man ruft die Polizei zu Hilfe
Antithese
So selbstverständlich, so alltäglich, so eingefügt in den ganzen Lauf und mit Sitte und Anstand so wohl verträglich
Hyperbel
Wogegen man Himmel und Hölle bewegt
Ironie
Und ein paar Jahre später, gib acht, ist alles, worob man den Lärm gemacht, wofür man ereifert sich und erregt, wogegen man Himmel und Hölle bewegt ... kein Mensch weiß, wie es eigentlich kam
Metapher
Und diese kommt und verbietet es auch und sperrt die Straßen und rasselt mit Ketten
Zeitlicher Gegensatz
Man schreit und lärmt und ereifert sich ... Und ein paar Jahre später