Mai
1794Ich möchte schweigend, Lieber, dich umfangen, Gehüllt in süße, bange Dämmerungen. Es wird so viel zu meinem Preis gesungen, Daß mir die Lust am Liede fast vergangen.
Wärst du so heiß von seligem Verlangen, Wie eine Lilie, deren weiße Zungen Den langen Tag nach kühlem Trost gerungen, Bis daß sie müd′ und matt zur Erde hangen:
Komm her zu mir, ich gebe dir zu trinken, So viel du magst, mein treuer deutscher Zecher, Aus meinem bodenlosen Liebesbecher!
Siehst du die hellen Thauestropfen blinken Dort an den Lilien in der Morgensonne? Wie mäßig schaltet ihr mit meiner Wonne!
(Gedichte aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten)
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Interpretation
Das Gedicht "Mai" von Wilhelm Müller handelt von der Sehnsucht nach einer tiefen, intimen Verbindung. Der Sprecher wünscht sich, seinen Geliebten in einer ruhigen, fast geheimnisvollen Atmosphäre zu umarmen. Er fühlt sich von der übermäßigen Lobpreisung seiner Liebe überfordert, was seine Lust am Dichten fast erstickt. Die Metapher der Lilie, die nach kühlem Trost sucht und schließlich erschöpft zu Boden sinkt, symbolisiert die Sehnsucht und das Verlangen nach Erfüllung. Der Sprecher bietet seinem Geliebten an, aus seinem "bodenlosen Liebesbecher" zu trinken, was auf eine unerschöpfliche, tiefe Liebe hindeutet. Die Lilien im Morgentau, die mit seiner Wonne bescheiden umgehen, spiegeln die Reinheit und Zartheit seiner Gefühle wider. Das Gedicht vermittelt eine Mischung aus intensiver Sehnsucht, zarter Zärtlichkeit und dem Wunsch nach einer tiefen, erfüllenden Verbindung.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- Helle Thauestropfen blinken an den Lilien in der Morgensonne
- Metapher
- Bodenloser Liebesbecher
- Personifikation
- Lilie, deren weiße Zungen den langen Tag nach kühlem Trost gerungen
- Symbolik
- Lilien als Symbol für Reinheit und Sehnsucht
- Vergleich
- Wärst du so heiß von seligem Verlangen, wie eine Lilie