Mahmud der Gasnevide
1897Vor Mahmuds Thron kniet Nureddin: “O Padischah! ich fordre Recht! Ein Krieger deines Hofes hat ruchloser Unbill sich erfrecht! Aus meiner Wohnung, meinem Bett trieb der Verfluchte mich heraus Und schwelgt mit meinen Weibern nun, als wäre sein mein Herd und Haus.”
Der Schah vernimmt es und erbleicht; stumm starrt er lang zu Boden hin. “Geht!” - heischt er zu den Sklaven dann - “besetzt das Haus des Nureddin, Dass keiner draus entrinnen mag; wenn Finsternis die Erde deckt, Ruft mich, und sehen soll die Welt, wie Sultan Mahmud Recht vollstreckt.”
Sie alle gehn; er aber tritt in die Moschee, verschließt das Tor Und liegt vor Allah im Gebet, bis sich der Tagesschein verlor; Mit Nureddin als Führer eilt er nach dem Haus des Frevels dann, Vier seiner Schergen hinter ihm, mit scharfen Beilen Mann für Mann.
“Löscht aus die Fackeln!” donnert er. Im Hause wird es schreckenstumm; Nur matt durchblinkt der Sterne Schein die tiefe Finsternis ringsum; Ins Tor voran stürmt Nureddin; mit seinen Schergen folgt der Schah Durch Gänge und durch Säulen hin. “Da!” - flüstert dumpf der Führer - “da!”
Die Schergen stellen sich im Kreis. “Des Frevlers Todeskampf sei kurz!” Ruft Mahmud aus und zückt das Schwert; ein halb erstickter Schrei, ein Sturz! “Licht her!” Man bringt′s. Flugs beugt der Schah sich zu des Toten Angesicht, Dann kniet er nieder. “Allah, Dank! Der, den ich meine, war es nicht.
Ihr aber, die ihr staunt, erfahrt! Ich glaubte, dass mein eigner Sohn Der Täter sei; auf schlimmem Pfad argwöhnt′ ich ihn seit lange schon, Und, dass sein Anblick nicht die Hand mir hemmte bei dem Strafgericht, Vollstreckt′ ich es in Finsternis; dem Himmel Dank, er war es nicht!”
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Interpretation
Das Gedicht "Mahmud der Gasnevide" von Adolf Friedrich Graf von Schack erzählt eine dramatische Geschichte von Gerechtigkeit und moralischer Konsequenz. Es beginnt mit einer Anklage Nureddins gegen einen Hofkrieger, der ihn aus seinem Haus vertrieben und sich mit seinen Frauen bereichert haben soll. Der Schah Mahmud, sichtlich erschüttert, befiehlt, das Haus Nureddins zu umstellen und ihn zu rufen, sobald die Nacht hereingebrochen ist, um seine Gerechtigkeit walten zu lassen. In der zweiten Hälfte des Gedichts wird die Spannung gesteigert. Mahmud betet in der Moschee, bis die Dunkelheit einbricht, und begibt sich dann mit Nureddin und vier Schergen zum Haus des Angeklagten. In völliger Finsternis stürmt Nureddin voran, gefolgt vom Schah und seinen Männern. Als sie den Täter finden, tötet Mahmud ihn mit einem schnellen Schwerthieb. Doch als das Licht gebracht wird, erkennt Mahmud, dass er den Falschen getötet hat. Er kniet nieder und dankt Allah, dass der Angeklagte nicht sein eigener Sohn war, den er schon lange auf einem schlimmen Pfad vermutete. Die Geschichte endet mit einer überraschenden Wendung, die die Komplexität menschlicher Urteilsfindung und die Gefahr von vorschnellen Entscheidungen verdeutlicht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- "stumm starrt er lang zu Boden hin"
- Anapher
- Vor Mahmuds Thron kniet Nureddin: "O Padischah! ich fordre Recht! Ein Krieger deines Hofes hat ruchloser Unbill sich erfrecht! Aus meiner Wohnung, meinem Bett trieb der Verfluchte mich heraus Und schwelgt mit meinen Weibern nun, als wäre sein mein Herd und Haus."
- Euphemismus
- "Des Frevlers Todeskampf sei kurz!"
- Hyperbel
- "Des Frevlers Todeskampf sei kurz!"
- Ironie
- "Allah, Dank! Der, den ich meine, war es nicht."
- Metapher
- "Sultan Mahmud Recht vollstreckt"
- Personifikation
- "Finsternis die Erde deckt"
- Rhetorische Frage
- "Ich glaubte, dass mein eigner Sohn Der Täter sei; auf schlimmem Pfad argwöhnt′ ich ihn seit lange schon, Und, dass sein Anblick nicht die Hand mir hemmte bei dem Strafgericht, Vollstreckt′ ich es in Finsternis; dem Himmel Dank, er war es nicht!"