Märchenglaube

Wilhelm Arent

1913

Lach′ nicht des Kindes Märchenglauben, Was ist′s denn, was dein Geist erfand? Was sind die Bibeln, die Systeme Denn anderes als Märchentand?

Ein Jeder dichtet seinen Himmel Wie′s ihm behagt in′s Blau hinein, Und über einem Märchen brütend Schläft endlich er ermüdet ein.

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Interpretation

Das Gedicht "Märchenglaube" von Wilhelm Arent beschäftigt sich mit der menschlichen Neigung, sich eigene Welterklärungen und Glaubenssysteme zu schaffen. Der Dichter fordert den Leser auf, den kindlichen Glauben an Märchen nicht zu verhöhnen, da auch die Erwachsenenwelt voller eigener "Märchen" steckt. Bibeln und philosophische Systeme werden als nichts anderes als "Märchentand" bezeichnet, was darauf hindeutet, dass auch diese menschlichen Konstrukte letztlich auf Glauben und nicht auf absoluter Wahrheit basieren. Im zweiten Teil des Gedichts wird die Idee der individuellen Weltsicht weiter ausgeführt. Jeder Mensch "dichtet seinen Himmel", was metaphorisch für die Schaffung persönlicher Glaubenssysteme und Weltanschauungen steht. Diese werden als subjektive Konstrukte dargestellt, die jeder nach seinen Vorstellungen "ins Blaue hinein" malt. Der letzte Vers deutet auf die Erschöpfung hin, die mit dem ständigen Streben nach Erkenntnis und Bedeutung einhergeht. Am Ende schläft der Mensch "ermüdet" ein, nachdem er über einem "Märchen gebrütet" hat, was sowohl auf den kreativen Prozess als auch auf die mögliche Nutzlosigkeit dieses Strebens anspielen könnte. Insgesamt präsentiert das Gedicht eine skeptische Sicht auf menschliche Erkenntnisbestrebungen und Glaubenssysteme. Es suggeriert, dass sowohl kindliche Märchen als auch erwachsene Weltanschauungen letztlich Konstrukte sind, die der Mensch sich selbst erschafft, um die Welt zu erklären. Das Gedicht lädt den Leser dazu ein, über die Natur von Glauben, Wissen und der menschlichen Suche nach Sinn nachzudenken.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
Was sind die Bibeln, die Systeme denn anderes als Märchentand?
Parallelismus
Ein Jeder dichtet seinen Himmel wie's ihm behagt in's Blau hinein
Personifikation
Und über einem Märchen brütend schläft endlich er ermüdet ein
Rhetorische Frage
Lach' nicht des Kindes Märchenglauben, Was ist's denn, was dein Geist erfand?