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Mädchens Abendgedanken

Von

Wer der Meine wohl wird werden?
Ob mein Aug‘ ihn wohl schon sah?
Wo er wandeln mag auf Erden?
Ist er ferne oder nah‘?

Wird er schön von Angesichte
Oder doch nicht häßlich sein?
Krause Locken? Augen lichte?
Groß von Wuchse oder klein?

Stark von Gliedern oder schmächtig?
Ob er leicht im Tanz sich schwenkt?
Ob er nüchtern, streng, bedächtig,
Oder recht romantisch denkt?

Oberamtmann oder Richter
Voller Ernst und Gravität?
Ist er Künstler, oder Dichter?
Ob er auch Musik versteht?

Ein Gelehrter, reich an Wissen,
Der studirt und Bücher schreibt,
Dem jedoch zu Scherz und Küssen
Wenig Zeit nur übrig bleibt?

Ist er wohl vom Handelstande?
Ist‘ s ein Kriegsmann, keck und brav?
Ist er Pfarrer auf dem Lande,
Oder gar ein schöner Graf?

Ist die Liebe denn recht innig,
Die er dann im Herzen trägt,
Da das meine ja so minnig
Jetzt schon ihm entgegenschlägt?

Sagt mir’s, holde Blütendüfte,
Die ihr weht in’s Kämmerlein,
Sagt mir’s, leise Abendlüfte,
Sag‘ mir’s, sanfter Mondenschein!

Sagt mir’s, Elfen, kleine, lose,
Die ihr lauscht und lacht und nickt,
Sag‘ mir’s, süße, rothe Rose,
Die mir in das Fenster blickt!

Saget mir’s, ihr klugen Sterne,
Die heraus am Himmel zieh’n!
Triebe schwellen in die Ferne,
Und sie wissen nicht, wohin?

Liebesarme stehen offen,
Ach, wen sollen sie empfah’n?
Lippen, die auf Küsse hoffen,
Ach, wer wird zum Kusse nah’n?

Oder soll ich lieber sagen,
Lieblich sei’s, so blind zu sein?
Dieses Klagen, dieses Fragen
Sei uns Mädchen süße Pein?

Träume können sel’ger spielen
Kindern gleich im leeren Haus,
Wenn nach unbekannten Zielen
Holde Wünsche ziehen aus?

Freudig Bangen! Bange Freude!
Ungewisser, finde mich!
Leid in Lust und Lust im Leide!
Künftiger, ich liebe dich!

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Mädchens Abendgedanken von Friedrich Theodor Vischer

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Mädchens Abendgedanken“ von Friedrich Theodor Vischer ist eine romantische Reflexion über die Sehnsucht nach der Liebe und die Ungewissheit über die Zukunft. Es ist ein Ausdruck der typischen Gefühle und Fragen einer jungen Frau, die sich nach der Liebe sehnt und darüber nachdenkt, wie ihr zukünftiger Partner sein wird. Die Struktur des Gedichts ist durch die Frage-Antwort-Form geprägt, in der das Mädchen verschiedene Eigenschaften und Berufe des zukünftigen Liebhabers erwägt, was die Vielseitigkeit und Komplexität ihrer Vorstellung verdeutlicht.

Die ersten Strophen widmen sich der äußeren Erscheinung und dem Charakter des potenziellen Partners. Dabei werden Aspekte wie Schönheit, Körperbau, Tanzfertigkeiten und intellektuelle Neigungen in Betracht gezogen. In den folgenden Strophen werden verschiedene Berufe und gesellschaftliche Stellungen in Erwägung gezogen, von Oberamtmann bis Kriegsmann, von Pfarrer bis Graf, wodurch die Bandbreite der Wünsche und Möglichkeiten des Mädchens verdeutlicht wird. Diese Vielfalt unterstreicht die Suche nach dem idealen Partner, der sowohl äußerlich als auch innerlich den Vorstellungen entspricht.

Das Gedicht nimmt eine Wendung, als die Frage nach der Intensität der Liebe aufgeworfen wird. Das Mädchen sehnt sich nach einer tiefen, innigen Verbindung, die ihre eigenen Gefühle erwidert. Sie sucht Antworten bei der Natur, indem sie die „Blütendüfte“, „Abendlüfte“, den „Mondenschein“, die „Elfen“, die „Rose“ und die „Sterne“ um Auskunft bittet. Diese Anrufung der Natur unterstreicht die tiefe Sehnsucht nach Klarheit und Gewissheit in Bezug auf die eigene Zukunft und die Liebe.

In den letzten Strophen wird die romantische Verklärung der Ungewissheit thematisiert. Das Mädchen schwankt zwischen dem Wunsch nach Gewissheit und der Erkenntnis, dass die Ungewissheit selbst einen Reiz birgt. Die „süße Pein“ des Fragens und Hoffens, die „Freude“ und das „Bangen“ werden als Teil des romantischen Erlebens akzeptiert und sogar begrüßt. Das Gedicht endet mit einer emphatischen Hinwendung zur Zukunft, die in der letzten Zeile durch die Worte „Künftiger, ich liebe dich!“ zum Ausdruck gebracht wird, was die Bereitschaft zur Akzeptanz des Unbekannten und die unerschütterliche Hoffnung auf die Erfüllung der Liebe betont.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.