Mädchens Abendgedanken

Friedrich Theodor Vischer

1807

Wer der Meine wohl wird werden? Ob mein Aug’ ihn wohl schon sah? Wo er wandeln mag auf Erden? Ist er ferne oder nah'?

Wird er schön von Angesichte Oder doch nicht häßlich sein? Krause Locken? Augen lichte? Groß von Wuchse oder klein?

Stark von Gliedern oder schmächtig? Ob er leicht im Tanz sich schwenkt? Ob er nüchtern, streng, bedächtig, Oder recht romantisch denkt?

Oberamtmann oder Richter Voller Ernst und Gravität? Ist er Künstler, oder Dichter? Ob er auch Musik versteht?

Ein Gelehrter, reich an Wissen, Der studirt und Bücher schreibt, Dem jedoch zu Scherz und Küssen Wenig Zeit nur übrig bleibt?

Ist er wohl vom Handelstande? Ist’ s ein Kriegsmann, keck und brav? Ist er Pfarrer auf dem Lande, Oder gar ein schöner Graf?

Ist die Liebe denn recht innig, Die er dann im Herzen trägt, Da das meine ja so minnig Jetzt schon ihm entgegenschlägt?

Sagt mir’s, holde Blütendüfte, Die ihr weht in’s Kämmerlein, Sagt mir’s, leise Abendlüfte, Sag’ mir’s, sanfter Mondenschein!

Sagt mir’s, Elfen, kleine, lose, Die ihr lauscht und lacht und nickt, Sag’ mir’s, süße, rothe Rose, Die mir in das Fenster blickt!

Saget mir’s, ihr klugen Sterne, Die heraus am Himmel zieh’n! Triebe schwellen in die Ferne, Und sie wissen nicht, wohin?

Liebesarme stehen offen, Ach, wen sollen sie empfah’n? Lippen, die auf Küsse hoffen, Ach, wer wird zum Kusse nah’n?

Oder soll ich lieber sagen, Lieblich sei’s, so blind zu sein? Dieses Klagen, dieses Fragen Sei uns Mädchen süße Pein?

Träume können sel’ger spielen Kindern gleich im leeren Haus, Wenn nach unbekannten Zielen Holde Wünsche ziehen aus?

Freudig Bangen! Bange Freude! Ungewisser, finde mich! Leid in Lust und Lust im Leide! Künftiger, ich liebe dich!

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Illustration zu Mädchens Abendgedanken

Interpretation

Das Gedicht "Mädchens Abendgedanken" von Friedrich Theodor Vischer beschreibt die innige Sehnsucht und Neugier eines jungen Mädchens nach ihrem zukünftigen Geliebten. In einer Reihe von Fragen überlegt sie, wie dieser Mann aussehen, welche Berufung er haben und welchen Charakter er besitzen wird. Sie fragt sich, ob er nah oder fern ist, ob er schön oder hässlich, stark oder schwächlich sein wird, und welche Gedanken und Gefühle er hegen mag. Die Protagonistin wendet sich an verschiedene Elemente der Natur, wie Blumen, Wind, Mondenschein und Sterne, in der Hoffnung, dass sie ihr sagen können, wer dieser geheimnisvolle Mann sein könnte. Sie drückt ihre Verwirrung und Unsicherheit aus, indem sie fragt, wohin die Triebe der Liebe sie führen werden und wen ihre liebenden Arme und küssenden Lippen umarmen und berühren werden. Im letzten Abschnitt des Gedichts reflektiert das Mädchen über die Natur ihrer Sehnsucht und fragt sich, ob es besser wäre, "blind" zu sein und sich nicht über die Zukunft zu sorgen. Sie vergleicht ihre Träume mit denen eines Kindes, das im leeren Haus spielt, und beschreibt die Mischung aus Freude und Bangen, die sie empfindet, während sie auf ihren zukünftigen Geliebten wartet. Letztendlich drückt sie ihre Liebe zu diesem unbekannten Mann aus und hofft, dass er sie finden wird.

Schlüsselwörter

sagt ferne nah recht wissen liebe holde sag

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Freudig Bangen! Bange Freude!
Anapher
Wer der Meine wohl wird werden? Ob mein Aug' ihn wohl schon sah? Wo er wandeln mag auf Erden? Ist er ferne oder nah'?
Apostrophe
Saget mir's, ihr klugen Sterne, Die heraus am Himmel zieh'n!
Hyperbel
Da das meine ja so minnig Jetzt schon ihm entgegenschlägt?
Kontrast
Ist er Künstler, oder Dichter? Ob er auch Musik versteht?
Metapher
Liebesarme stehen offen
Oxymoron
Freudig Bangen! Bange Freude!
Parallelismus
Krause Locken? Augen lichte? Groß von Wuchse oder klein?
Personifikation
Sagt mir's, holde Blütendüfte, Die ihr weht in's Kämmerlein
Rhetorische Frage
Wer der Meine wohl wird werden? Ob mein Aug' ihn wohl schon sah? Wo er wandeln mag auf Erden? Ist er ferne oder nah'?