Mädchenklage
Diese Neigung, in den Jahren,
da wir alle Kinder waren,
viel allein zu sein, war mild;
andern ging die Zeit im Streite,
und man hatte seine Seite,
seine Nähe, seine Weite,
einen Weg, ein Tier, ein Bild.
Und ich dachte noch, das Leben
hörte niemals auf zu geben,
daß man sich in sich besinnt.
Bin ich in mir nicht im Größten?
Will mich meines nicht mehr trösten
und verstehen wie als Kind?
Plötzlich bin ich wie verstoßen,
und zu einem Übergroßen
wird mir diese Einsamkeit,
wenn, auf meiner Brüste Hügeln
stehend, mein Gefühl nach Flügeln
oder einem Ende schreit.
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Mädchenklage“ von Rainer Maria Rilke ist eine melancholische Reflexion über den Verlust der kindlichen Unbeschwertheit und das Erwachen zur emotionalen Komplexität des Erwachsenseins. Das Gedicht ist in zwei Strophen gegliedert, wobei jede Strophe einen deutlichen Bruch in der Stimmung und im Verständnis der Welt des lyrischen Ichs markiert. Die erste Strophe beschreibt eine Zeit der kindlichen Geborgenheit und der stillen Selbstbesinnung, während die zweite Strophe von einem schmerzlichen Gefühl der Verlassenheit und der Sehnsucht nach einer radikalen Veränderung geprägt ist.
Die ersten acht Zeilen zeichnen ein idyllisches Bild der Kindheit, in der die Einsamkeit eine milde, fast wohltuende Erfahrung war. Die Welt scheint großzügig zu sein, bietet eine Vielzahl von Möglichkeiten und die Möglichkeit, sich selbst zu entdecken: „einen Weg, ein Tier, ein Bild“. Das lyrische Ich empfand die Zeit als eine Phase der stetigen Bereicherung, in der das Leben unaufhörlich Gaben bereithielt. Die Zeilen spiegeln eine Zeit der Unschuld und des Vertrauens wider, in der die Welt noch einfach und verständlich erschien. Das „In-sich-Besinnen“ wird als eine Quelle der Stärke und des Trostes gesehen.
Der Übergang zur zweiten Strophe markiert einen Wendepunkt, der durch das Wort „plötzlich“ eingeleitet wird. Die kindliche Geborgenheit und das Gefühl der Sicherheit sind verflogen. Die Einsamkeit, einst mild und vertraut, wird nun als etwas „Übergroßes“ empfunden, als eine erdrückende Leere. Das lyrische Ich fühlt sich verstoßen, allein gelassen mit einer überwältigenden Sehnsucht. Die Metapher der „Brüste Hügeln“ und das „Schreien“ des Gefühls nach „Flügeln“ oder einem „Ende“ verdeutlichen die Intensität der inneren Zerrissenheit.
Die „Mädchenklage“ ist also eine Klage über den Verlust der kindlichen Unschuld und die Konfrontation mit den komplexen und oft schmerzhaften Emotionen des Erwachsenwerdens. Das Gedicht thematisiert das Gefühl der Entfremdung von sich selbst und der Welt, sowie die Suche nach einer neuen Orientierung. Es ist ein Ausdruck des Schmerzes und der Verzweiflung, die mit dem Verlust der kindlichen Welt einhergehen. Die Sehnsucht nach Flügeln oder einem Ende deutet auf den Wunsch nach Freiheit, nach einer radikalen Veränderung oder vielleicht sogar nach dem Tod, um dem Schmerz zu entkommen.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.