Mädchenklage
1875Diese Neigung, in den Jahren, da wir alle Kinder waren, viel allein zu sein, war mild; andern ging die Zeit im Streite, und man hatte seine Seite, seine Nähe, seine Weite, einen Weg, ein Tier, ein Bild.
Und ich dachte noch, das Leben hörte niemals auf zu geben, daß man sich in sich besinnt. Bin ich in mir nicht im Größten? Will mich meines nicht mehr trösten und verstehen wie als Kind?
Plötzlich bin ich wie verstoßen, und zu einem Übergroßen wird mir diese Einsamkeit, wenn, auf meiner Brüste Hügeln stehend, mein Gefühl nach Flügeln oder einem Ende schreit.
Anhören
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Mädchenklage" von Rainer Maria Rilke beschreibt die Veränderung der Einsamkeit im Laufe des Lebens. In der Kindheit war die Neigung zur Einsamkeit noch sanft und unbeschwert, während andere Kinder in Streitigkeiten und mit ihren Bezugspunkten wie Tieren oder Bildern beschäftigt waren. Die Ich-Erzählerin dachte, das Leben würde immer weitergeben und sie könnte sich in sich selbst finden, wie sie es als Kind getan hatte. Doch plötzlich fühlt sich die Erzählerin verstoßen und ihre Einsamkeit wird übermächtig. Auf den Hügeln ihrer Brüste stehend, schreit ihr Gefühl nach Flügeln oder einem Ende, was auf eine tiefe Verzweiflung und das Verlangen nach Veränderung oder Erlösung hindeutet. Die Einsamkeit, die einst mild und vertraut war, ist nun zu einer unerträglichen Last geworden, die die Erzählerin zu überwältigen droht. Das Gedicht vermittelt den Übergang von einer unschuldigen, selbstgewählten Einsamkeit in der Kindheit zu einer schmerzhaften, erzwungenen Isolation im Erwachsenenalter. Die Ich-Erzählerin ringt mit der Frage, ob sie in sich selbst noch das Größte finden kann und ob sie sich selbst noch so verstehen und trösten kann wie als Kind. Die Einsamkeit wird als eine Kraft dargestellt, die entweder Flügel verleihen oder ein Ende bringen könnte, was auf die Ambivalenz und die Intensität der Gefühle der Erzählerin hinweist.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildlichkeit
- auf meiner Brüste Hügeln
- Metapher
- mein Gefühl nach Flügeln oder einem Ende schreit
- Personifikation
- Anderen ging die Zeit im Streite
- Rhetorische Frage
- Bin ich in mir nicht im Größten?
- Symbolik
- einen Weg, ein Tier, ein Bild