Mädchen-Lied
1844Gestern, Mädchen, ward ich weise, gestern ward ich siebzehn Jahr:- und dem gräulichsten der Greise gleich’ ich nun - doch nicht auf’s Haar! Gestern kam mir ein Gedanke, - ein Gedanke? Spott und Hohn! Kam euch jemals ein Gedanke? Ein Gefühlchen eher schon!
Selten, dass ein Weib zu denken wagt, denn alte Weisheit spricht: “Folgen soll das Weib, nicht lenken; denkt sie, nun, dann folgt sie nicht.”
Was sie noch sagt, glaubt’ ich nimmer; wie ein Floh, so springt’s, so sticht’s! “Selten denkt das Frauenzimmer, denkt es aber, taugt es nichts!”
Alter hergebrachter Weisheit meine schönste Reverenz! Hört jetzt meiner neuen Weisheit allerneuste Quintessenz!
Gestern sprach’s in mir, wie’s immer in mir sprach - nun hört mich an: “Schöner ist das Frauenzimmer, interessanter ist - der Mann!”
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Interpretation
Das Gedicht "Mädchen-Lied" von Friedrich Nietzsche handelt von der Erkenntnis eines jungen Mädchens, das plötzlich die Welt der Weisheit und des Denkens für sich entdeckt. Es fühlt sich plötzlich erwachsen und gleichzeitig verloren in einer Welt, die es nicht versteht. Das Mädchen erkennt, dass es in einer Gesellschaft lebt, die Frauen nicht zum Denken ermutigt und ihnen stattdessen eine untergeordnete Rolle zuweist. Das Gedicht kritisiert die patriarchalische Gesellschaft, die Frauen als minderwertig betrachtet und ihnen den Zugang zu Bildung und Wissen verwehrt. Das Mädchen erkennt, dass es in einer Welt lebt, in der Frauen nicht ernst genommen werden und ihre Meinungen und Gedanken als unwichtig abgetan werden. Es fühlt sich frustriert und wütend über diese Ungerechtigkeit und beschließt, sich gegen diese Unterdrückung zu wehren. Am Ende des Gedichts kommt das Mädchen zu einer neuen Erkenntnis: Es erkennt, dass es wichtiger ist, sich auf seine eigenen Interessen und Leidenschaften zu konzentrieren, als sich an die Erwartungen der Gesellschaft zu halten. Es beschließt, sich nicht länger von den patriarchalischen Normen einschränken zu lassen und stattdessen seinen eigenen Weg zu gehen. Das Gedicht endet mit einer optimistischen Note, die darauf hindeutet, dass das Mädchen bereit ist, die Welt zu erobern und seine Träume zu verwirklichen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Selten denkt das Frauenzimmer
- Anapher
- Gestern, Mädchen, ward ich weise, gestern ward ich siebzehn Jahr
- Enjambement
- Gestern, Mädchen, ward ich weise, gestern ward ich siebzehn Jahr:- und dem gräulichsten der Greise gleich' ich nun - doch nicht auf's Haar!
- Hyperbel
- Wie ein Floh, so springt's, so sticht's
- Ironie
- Und dem gräulichsten der Greise gleich' ich nun
- Kontrast
- Schöner ist das Frauenzimmer, interessanter ist - der Mann
- Metapher
- gleich' ich nun - doch nicht auf's Haar
- Parallelismus
- Gestern, Mädchen, ward ich weise, gestern ward ich siebzehn Jahr
- Personifikation
- Gestern sprach's in mir, wie's immer in mir sprach
- Rhetorische Frage
- Kam euch jemals ein Gedanke?
- Wiederholung
- Gestern sprach's in mir, wie's immer in mir sprach
- Zitat
- Folgen soll das Weib, nicht lenken; denkt sie, nun, dann folgt sie nicht