Mädchen am Kai
1948Hab keinen Charakter, hab nur Hunger, Ich, Passagier im Zwischendeck des Lebens, Geliebt und gehasst hab ich vergebens Und jeden Abend auf der Lunger. Und diese Kunst, die geht nach Brot. Und kann man sterben denn vor Scham? Ich bin so müde, lendenlahm, Und dennoch, Zähne gesund, mein Mund ist rot. Madonna, lass mich fallen in tiefen Schacht. Nur einmal noch behütet sein. Lieb mich von allen Sünden rein. Sieh, ich hab manche Nacht gewacht!
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Interpretation
Das Gedicht "Mädchen am Kai" von Emmy Hennings thematisiert die existenzielle Verzweiflung und das Gefühl der Entwurzelung einer Protagonistin, die sich als Passagierin im Zwischendeck des Lebens sieht. Der Hunger, sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinne, symbolisiert das unerfüllte Verlangen nach Liebe und Anerkennung. Die vergeblichen Versuche, geliebt und gehasst zu werden, unterstreichen die Isolation und die Unfähigkeit, tiefe emotionale Bindungen einzugehen. Die Kunst, die "nach Brot geht", deutet auf die Notwendigkeit hin, kreativ zu sein, um zu überleben, aber auch auf die Kommerzialisierung der Kunst und die damit verbundene Enttäuschung. Die körperliche und emotionale Erschöpfung der Protagonistin wird durch die Beschreibung ihrer Müdigkeit und Lendenschwäche deutlich. Trotzdem behält sie eine gewisse Vitalität, symbolisiert durch ihre gesunden Zähne und den roten Mund. Dies könnte auf eine verbleibende Lebensfreude oder eine trotzige Haltung gegenüber dem Schicksal hindeuten. Die Frage, ob man vor Scham sterben kann, wirft ein Licht auf die innere Zerrissenheit und die Scham, die die Protagonistin empfindet, möglicherweise aufgrund ihrer als unzureichend empfundenen Existenz. Im Schluss des Gedichts wendet sich die Protagonistin an die Madonna, eine Figur der Reinheit und des Schutzes, und bittet um Erlösung von ihren Sünden und um einmaligen Schutz. Die Bitte, in einen "tiefen Schacht" fallen zu dürfen, könnte als Wunsch nach einem radikalen Neuanfang oder als Ausdruck des Verlangens nach dem Tod als Erlösung interpretiert werden. Die Erwähnung der Nächte, in denen sie wach geblieben ist, deutet auf eine andauernde Suche nach Sinn und Erlösung hin, die bislang zu keinem befriedigenden Ergebnis geführt hat.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Hyperbel
- Kann man sterben denn vor Scham?
- Metapher
- Von allen Sünden rein
- Personifikation
- Und diese Kunst, die geht nach Brot
- Symbolik
- Madonna