Lyrik
1912Wie Wellen fallen, wollen wir es halten, Die ewig springen mit Elan ans Land. Zwecklos. So sollen immer überrannt Die dumpfen Dinge sich nach uns gestalten.
Hasse die Unkunst aller Atemalten! Gebäre Verse - Schreie, nervgespannt! Lass Worte anglühn in der Reime Brand Und dunkeln von Gefühl, wenn sie erkalten.
Schreib kräftig, grade; gib dem Worte viel, Dem Vers die Worte wie der Brücke Joche. Die runde Zahl der Tage ist die Woche!
Arbeite und forciere deinen Stil! Bete zu Nietzsche! Spanne dich mit Verven Des Croisset-Christus, Jesus unsrer Nerven.
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Interpretation
Das Gedicht "Lyrik" von Paul Boldt ist ein leidenschaftlicher Aufruf zur künstlerischen Schöpfung. Es beginnt mit einer Metapher, die den kreativen Prozess mit dem unaufhaltsamen Ansturm der Wellen auf das Land vergleicht. Der Dichter betont die Schwierigkeit, diese flüchtige Inspiration einzufangen und in dauerhafte Form zu bringen. Der zweite Teil des Gedichts wendet sich direkt an den Leser oder den Dichter selbst und fordert ihn auf, sich von der "Unkunst" der Vergangenheit abzuwenden und stattdessen kraftvolle, nervenaufreibende Verse zu gebären. Die Sprache wird hier lebendig und bildhaft, mit Verben wie "anglühn" und "dunkeln", die die Intensität der poetischen Erfahrung vermitteln. Der dritte Teil gibt praktische Ratschläge für das Schreiben: kraftvoll und gerade, jedem Wort und Vers Bedeutung verleihen. Die Metapher der Brücke und der Woche verknüpft die Struktur des Gedichts mit der Zeit und dem Lebensrhythmus. Der Dichter fordert harte Arbeit und die Entwicklung eines eigenen Stils. Er zitiert Nietzsche als eine Art Schutzpatron der modernen Dichtkunst und verweist auf den "Croisset-Christus", eine Anspielung auf den Autor Gustave Flaubert, der für seinen sorgfältigen und mühsamen Schaffensprozess bekannt war. Der letzte Vers personifiziert Flaubert als "Jesus unsrer Nerven", was die intensive emotionale und intellektuelle Anstrengung des kreativen Prozesses unterstreicht. Insgesamt ist "Lyrik" ein energiegeladenes Manifest der literarischen Moderne, das die Leser dazu aufruft, die Tradition zu überwinden und eine neue, kraftvolle und persönliche Ausdrucksform zu finden. Es feiert die Intensität des kreativen Akts und die Hingabe, die erforderlich ist, um bedeutungsvolle Kunst zu schaffen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Jesus unsrer Nerven
- Personifikation
- Die ewig springen mit Elan ans Land