Lumpenlied

Erich Kurt Mühsam

1907

Kein Schlips am Hals, kein Geld im Sack. Wir sind ein schäbiges Lumpenpack, auf das der Bürger speit. Der Bürger blank von Stiebellack, mit Ordenszacken auf dem Frack, der Bürger mit dem Chapeau claque, fromm und voll Redlichkeit.

Der Bürger speit und hat auch recht. Er hat Geschmeide gold und echt. - Wir haben Schnaps im Bauch. Wer Schnaps im Bauch hat, ist bezecht, und wer bezecht ist, der erfrecht zu Dingen sich, die jener schlecht und niedrig findet auch.

Der Bürger kann gesittet sein, er lernte Bibel und Latein. - Wir lernen nur den Neid. Wer Porter trinkt und Schampus-Wein, lustwandelt fein im Sonnenschein, der bürstet sich, wenn unserein ihn anrührt mit dem Kleid.

Wo hat der Bürger alles her: den Geldsack und das Schießgewehr? Er stiehlt es grad wie wir. Bloß macht man uns das Stehlen schwer. Doch er kriegt mehr als sein Begehr. Er schröpft dazu die Taschen leer von allem Arbeitstier.

Oh, wär ich doch ein reicher Mann, der ohne Mühe stehlen kann, gepriesen und geehrt. Träf ich euch auf der Straße dann, ihr Strohkumpane, Fritz, Johann, ihr Lumpenvolk, ich spie euch an. - Das seid ihr Hunde wert!

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Illustration zu Lumpenlied

Interpretation

Das Gedicht "Lumpenlied" von Erich Kurt Mühsam zeichnet ein scharfes Bild der sozialen Ungleichheit und der Verachtung, die die Unterschicht durch die bürgerliche Oberschicht erfährt. Es kontrastiert das Leben der "Lumpen" mit dem der Bürger, wobei die Lumpen als schäbig, betrunken und neidisch dargestellt werden, während die Bürger als gepflegt, fromm und gebildet erscheinen. Das Gedicht kritisiert jedoch die Doppelmoral der Gesellschaft, indem es aufzeigt, dass sowohl die Lumpen als auch die Bürger stehlen, aber die Bürger dabei weniger Konsequenzen zu befürchten haben und sogar dafür geehrt werden. Die Lumpen werden als Menschen ohne finanzielle Mittel und sozialen Status beschrieben, die von den Bürgern verachtet und angespuckt werden. Sie leben in Armut und trinken Schnaps, um ihre Not zu betäuben. Das Gedicht deutet an, dass ihre Trunkenheit und ihr ungebührliches Verhalten eine direkte Folge ihrer sozialen Ausgrenzung und ihrer Unfähigkeit sind, an den Privilegien der bürgerlichen Gesellschaft teilzuhaben. Mühsam wirft den Bürgern Heuchelei vor, da sie sich zwar als moralisch überlegen darstellen, aber in Wahrheit ebenfalls von Diebstahl und Ausbeutung profitieren. Das Gedicht endet mit einer bitteren Ironie, in der der Sprecher sich wünscht, selbst ein reicher Mann zu sein, um dann seinerseits die Lumpen zu verachten und anzuspucken. Dies unterstreicht die durchdringende Wirkung der sozialen Hierarchie und die Art und Weise, wie Macht und Reichtum das Verhalten und die Einstellungen der Menschen verändern können.

Schlüsselwörter

bürger kein speit schnaps bauch bezecht kann stehlen

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Stilmittel

Alliteration
Kein Schlips am Hals, kein Geld im Sack
Anapher
Der Bürger speit und hat auch recht
Bildlichkeit
Der Bürger blank von Stiebellack
Chiasmus
Wer Schnaps im Bauch hat, ist bezecht
Enjambement
Kein Schlips am Hals, kein Geld im Sack. Wir sind ein schäbiges Lumpenpack
Ironie
Der Bürger kann gesittet sein, er lernte Bibel und Latein
Kontrast
Der Bürger blank von Stiebellack, mit Ordenszacken auf dem Frack
Metapher
Wir sind ein schäbiges Lumpenpack
Parallelismus
Kein Schlips am Hals, kein Geld im Sack
Personifikation
Der Bürger speit
Reim
Sack - Pack, recht - echt
Wiederholung
Der Bürger