Luftveränderung

Kurt Tucholsky

1912

Fahre mit der Eisenbahn, fahre, Junge, fahre, Auf dem Deck vom Wasserkahn wehen deine Haare.

Tauch in fremde Städte ein, lauf in fremden Gassen; höre fremde Menschen schrein, trink aus fremden Tassen.

Flieh Betrieb und Telefon, grab in alten Schmökern, sieh am Seinekai, mein Sohn, Weisheit still verhökern.

Lauf in Afrika umher, reite durch Oasen; lausche auf ein blaues Meer, hör den Mistral blasen!

Wie du auch die Welt durchflitzt ohne Rast und Ruh-: Hinten auf dem Puffer sitzt du.

Anhören

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Luftveränderung

Interpretation

Das Gedicht "Luftveränderung" von Kurt Tucholsky beschreibt die Sehnsucht nach Veränderung und Abenteuer. Der Protagonist wird dazu ermutigt, verschiedene Orte und Kulturen zu erkunden, um dem Alltag zu entfliehen und neue Erfahrungen zu sammeln. Die Reise wird als Mittel zur Selbstfindung und Erweiterung des Horizonts dargestellt. Die erste Strophe lädt den "Jungen" dazu ein, mit der Eisenbahn zu fahren und auf einem Wasserkahn zu segeln. Die Reise soll ihm ermöglichen, seine Haare vom Wind wehen zu lassen und ein Gefühl von Freiheit zu erleben. In der zweiten Strophe wird er dazu aufgefordert, in fremde Städte einzutauchen, durch fremde Gassen zu laufen und fremde Menschen zu hören. Das Trinken aus fremden Tassen symbolisiert die Offenheit für neue Erfahrungen und Kulturen. In der dritten Strophe wird geraten, dem Betrieb und dem Telefon zu entfliehen und in alten Büchern zu schmökern. Am Seinekai in Paris soll der Protagonist Weisheit still verhökern, was auf die Suche nach tieferem Verständnis und Erkenntnis hindeutet. Die vierte Strophe erweitert die Reiseziele auf Afrika und das Mittelmeer, wo er durch Oasen reiten und den Mistral, einen starken Wind, hören kann. Das Gedicht endet mit der Erkenntnis, dass man selbst dann, wenn man die Welt ohne Rast und Ruh durchquert, immer noch "hinten auf dem Puffer sitzt". Dies könnte bedeuten, dass man trotz aller Reisen und Veränderungen immer noch an seine eigene Identität und Vergangenheit gebunden ist.

Schlüsselwörter

fahre fremde lauf fremden eisenbahn junge deck wasserkahn

Wortwolke

Wortwolke zu Luftveränderung

Stilmittel

Alliteration
tauch in fremde Städte ein, lauf in fremden Gassen
Hyperbel
Lauf in Afrika umher, reite durch Oasen
Imperativ
Fahre mit der Eisenbahn, fahre, Junge, fahre
Ironie
Hinten auf dem Puffer sitzt du
Kontrast
Flieh Betrieb und Telefon, grab in alten Schmökern
Metapher
Auf dem Deck vom Wasserkahn wehen deine Haare
Onomatopoesie
hör den Mistral blasen
Parallelismus
tauch in fremde Städte ein, lauf in fremden Gassen; höre fremde Menschen schrein, trink aus fremden Tassen
Personifikation
Weisheit still verhökern