Lucie
1833Ich seh sie noch, ihr Büchlein in der Hand, Nach jener Bank dort an der Gartenwand Vom Spiel der andern Kinder sich entfernen; Sie wußte wohl, es mühte sie das Lernen.
Nicht war sie klug, nicht schön; mir aber war Ihr blaß Gesichtchen und ihr blondes Haar, Mir war es lieb; aus der Erinnrung Düster Schaut es mich an; wir waren recht Geschwister.
Ihr schmales Bettchen teilte sie mit mir, Und nächtens Wang an Wange schliefen wir; Das war so schön! Noch weht ein Kinderfrieden Mich an aus jenen Zeiten, die geschieden.
Ein Ende kam; - ein Tag, sie wurde krank Und lag im Fieber viele Wochen lang; Ein Morgen dann, wo sanft die Winde gingen, Da ging sie heim; es blühten die Syringen.
Die Sonne schien; ich lief ins Feld hinaus Und weinte laut; dann kam ich still nach Haus. Wohl zwanzig Jahr und drüber sind vergangen - An wieviel anderm hat mein Herz gehangen!
Was hab ich heute denn nach dir gebangt? Bist du mir nah und hast nach mir verlangt? Willst du, wie einst nach unsern Kinderspielen, Mein Knabenhaupt an deinem Herzen fühlen?
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Interpretation
Das Gedicht "Lucie" von Theodor Storm erzählt von den tiefen, kindlichen Erinnerungen des lyrischen Ichs an seine verstorbene Freundin Lucie. Das Gedicht beginnt mit einer lebendigen Erinnerung an Lucie, wie sie mit einem Büchlein in der Hand von den anderen Kindern wegging, um zu lernen. Das lyrische Ich beschreibt Lucie als nicht besonders klug oder schön, aber für ihn war ihr blasses Gesicht und ihr blondes Haar von unschätzbarem Wert. Die beiden teilten eine enge Geschwisterbindung, schliefen sogar in einem Bett und erlebten eine Zeit voller kindlichen Friedens und Unschuld. Die zweite Hälfte des Gedichts wendet sich der tragischen Wendung in ihrer Beziehung zu. Lucie erkrankt und stirbt schließlich, was für das lyrische Ich ein schmerzlicher Verlust ist. Der Tod Lucies wird mit einem Bild von blühenden Syringen an einem sonnigen Morgen beschrieben, was einen starken Kontrast zwischen der Schönheit des Tages und der Trauer des Verlusts bildet. Das lyrische Ich weint laut auf einem Feld, bevor es still nach Hause zurückkehrt, was die tiefe Trauer und den Schock über den Verlust verdeutlicht. In den letzten Strophen reflektiert das lyrische Ich über die vergangene Zeit und wie sich sein Herz an viele andere Dinge gehängt hat, seit Lucie gestorben ist. Trotz der vergangenen Jahre und der neuen Erfahrungen fragt sich das lyrische Ich, ob Lucie ihm noch nah ist und ob sie sein Haupt an ihr Herz fühlen möchte, wie es in ihrer Kindheit der Fall war. Das Gedicht endet mit einer Frage, die die anhaltende emotionale Verbindung und das Verlangen nach Lucie unterstreicht, selbst nach so langer Zeit.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- dann kam ich still nach Haus
- Anapher
- Ich seh sie noch, ihr Büchlein in der Hand, Nach jener Bank dort an der Gartenwand Vom Spiel der andern Kinder sich entfernen
- Kontrast
- Nicht war sie klug, nicht schön; mir aber war Ihr blaß Gesichtchen und ihr blondes Haar, Mir war es lieb
- Metapher
- Es blühten die Syringen
- Parallelismus
- Ihr schmales Bettchen teilte sie mit mir, Und nächtens Wang an Wange schliefen wir
- Personifikation
- aus der Erinnrung Düster Schaut es mich an
- Rhetorische Frage
- Was hab ich heute denn nach dir gebangt? Bist du mir nah und hast nach mir verlangt? Willst du, wie einst nach unsern Kinderspielen, Mein Knabenhaupt an deinem Herzen fühlen?