Locke und Lied

Annette von Droste-Hülshoff

1844

Meine Lieder sandte ich dir, Meines Herzens strömende Quellen, Deine Locke sandtest du mir, Deines Hauptes ringelnde Wellen; Hauptes Welle und Herzens Flut Sie zogen einander vorüber, < Haben sie nicht im Kusse geruht? Schoß nicht ein Leuchten darüber?

Und du klagest: verblichen sei Die Farbe der wandernden Zeichen; Scheiden tut weh, mein Liebchen, ei, Die Scheidenden dürfen erbleichen; Warst du blaß nicht, zitternd und kalt, Als ich von dir mich gerissen? Blicke sie an, du Milde, und bald, Bald werden den Herrn sie nicht missen.

Auch deine Locke hat sich gestreckt, Verdrossen, gleich schlafendem Kinde, Doch ich hab′ sie mit Küssen geweckt, Hab′ sie gestreichelt so linde, Ihr geflüstert von unserer Treu′, Sie geschlungen um deine Kränze, Und nun ringelt sie sich aufs neu, Wie eine Rebe im Lenze.

Wenig Wochen, dann grünet der Stamm, Hat Sonnenschein sich ergossen, Und wir sitzen am rieselnden Damm, Die Händ′ in einander geschlossen, Schaun in die Welle, und schaun in das Aug′ Uns wieder und wieder und lachen, Und Bekanntschaft mögen dann auch Die Lock′ und der Liederstrom machen.

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Illustration zu Locke und Lied

Interpretation

Das Gedicht "Locke und Lied" von Annette von Droste-Hülshoff erzählt von der intensiven emotionalen Verbindung zwischen zwei Liebenden, die durch den Austausch von Liedern und einer Haarlocke symbolisiert wird. Die Lieder und die Locke stehen für die Seelen der Liebenden, die sich in einem metaphorischen Kuss begegnen und einander erleuchten. Die Trennung der Liebenden führt zu einer vorübergehenden Verblassung und Kälte, doch die Sehnsucht und die Erinnerung bleiben lebendig. Die zweite Strophe beschreibt die Wiederbelebung der Haarlocke durch die liebevolle Berührung und die Erinnerung an die Treue. Die Locke, die sich zuvor gestreckt und verdrossen hat, wird durch Küssen und Streicheln wieder zum Leben erweckt und schlingt sich um die Kränze des Geliebten. Die Metapher der Rebe im Lenze deutet auf eine Wiedergeburt und ein neues Wachstum der Liebe hin. Die dritte Strophe blickt in die Zukunft, in der die Liebenden nach einigen Wochen wieder vereint sind. Sie sitzen am Ufer eines Baches, halten Händchen und schauen sich in die Augen, während sie lachen. Die Lieder und die Locke, die zuvor getrennt waren, kommen nun in der Gegenwart des Geliebten wieder zusammen und knüpfen eine neue Bekanntschaft. Das Gedicht endet mit einem hoffnungsvollen Ausblick auf die erneute Vereinigung der Liebenden und die Wiederbelebung ihrer Liebe.

Schlüsselwörter

herzens locke hauptes welle einander bald hab schaun

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Stilmittel

Metapher
Der Liederstrom
Personifikation
Hauptes Welle und Herzens Flut
Rhetorische Frage
Haben sie nicht im Kusse geruht? Schoß nicht ein Leuchten darüber?