Lob der schwarzen Kirschen

Anna Louisa Karsch

1792

Des Weinstocks Saftgewächse ward Von tausend Dichtern laut erhoben; Warum will denn nach Sängerart Kein Mensch die Kirsche loben?

O die karfunkelfarbne Frucht In reifer Schönheit ward vor diesen Unfehlbar von der Frau versucht, Die Milton hat gepriesen.

Kein Apfel reizet so den Gaum Und löschet so des Durstes Flammen; Er mag gleich vom Chineser-Baum In ächter Abkunft stammen.

Der ausgekochte Kirschensaft Giebt aller Sommersuppen beste, Verleiht der Leber neue Kraft Und kühlt der Adern Aeste;

Und wem das schreckliche Verboth Des Arztes jeden Wein geraubet, Der misch ihn mit der Kirsche roth Dann ist er ihm erlaubet;

Und wäre seine Lunge wund, Und seine ganze Brust durchgraben: So darf sich doch sein matter Mund Mit diesem Tranke laben.

Wenn ich den goldnen Rheinstrandwein Und silbernen Champagner meide, Dann Freunde mischt mir Kirschblut drein Zur Aug- und Zungenweide:

Dann werd′ ich eben so verführt, Als Eva, die den Baum betrachtet, So schön gewachsen und geziert, Und nach der Frucht geschmachtet.

Ich trink und rufe dreymal hoch! Ihr Dichter singt im Ernst und Scherze Zu oft die Rose, singet doch Einmal der Kirschen Schwärze!

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Illustration zu Lob der schwarzen Kirschen

Interpretation

Das Gedicht "Lob der schwarzen Kirschen" von Anna Louisa Karsch ist ein Loblied auf die schwarzen Kirschen und ihre vielfältigen Vorzüge. Die Autorin beklagt, dass Dichter zwar den Weinstock preisen, aber die Kirsche oft vernachlässigen. Sie betont die Schönheit und den unwiderstehlichen Reiz der karfunkelfarbenen Frucht, die bereits Eva verführt haben soll. Die Kirsche wird als Gaumenfreude und Durstlöscher gepriesen, unabhängig von ihrer Herkunft. Der Saft der Kirschen wird als beste Sommerbrühe beschrieben, die der Leber neue Kraft verleiht und die Adern kühlt. Besonders hervorhebt die Autorin die Eignung der Kirsche für Menschen, denen der Arzt den Wein verboten hat. Selbst bei schweren Krankheiten wie einer durchgrabenen Brust und einer wunden Lunge sei der Kirschtrunk erlaubt und labend. Die Autorin bevorzugt die Kirsche gegenüber edlen Weinen wie dem Rheinwein und Champagner und bittet ihre Freunde, ihr Kirschsaft beizumischen. Sie vergleicht sich selbst mit Eva, die vom Baum und seiner Frucht so angezogen war, dass sie danach verlangte. Das Gedicht schließt mit einem dreimaligen Hochruf auf die Kirsche und einem Aufruf an die Dichter, sich mehr der "Schwärze" der Kirschen anzunehmen, anstatt so oft die Rose zu besingen.

Schlüsselwörter

ward kein kirsche frucht baum weinstocks saftgewächse tausend

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Dann Freunde mischt mir Kirschblut drein
Anapher
Des Weinstocks Saftgewächse ward Von tausend Dichtern laut erhoben; Warum will denn nach Sängerart Kein Mensch die Kirsche loben?
Anspielung
Die Milton hat gepriesen
Bildsprache
Ich trink und rufe dreymal hoch!
Hyperbel
Und wäre seine Lunge wund, Und seine ganze Brust durchgraben
Metapher
O die karfunkelfarbne Frucht
Personifikation
Der ausgekochte Kirschensaft Giebt aller Sommersuppen beste
Vergleich
Kein Apfel reizet so den Gaum Und löschet so des Durstes Flammen