Lieder-Seelen

Conrad Ferdinand Meyer

1882

In der Nacht, die die Bäume mit Blüten deckt, Ward ich von süßen Gespenstern erschreckt, Ein Reigen schwang im Garten sich, Den ich mit leisem Fuß beschlich; Wie zarter Elfen Chor im Ring Ein weißer, lebendiger Schimmer ging. Die Schemen hab’ ich keck befragt: Wer seid ihr, lustige Wesen? Sagt!

“Ich bin ein Wölkchen, gespiegelt im See.” “Ich bin eine Reihe von Stapfen im Schnee.” “Ich bin ein Seufzer gen Himmel empor!” “Ich bin ein Geheimnis, geflüstert ins Ohr.” “Ich bin ein frommes, gestorbenes Kind.” “Ich bin ein üppiges Blumengewind -” “Und die du wählst, und der’s beschied Die Gunst der Stunde, die wird ein Lied.”

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Illustration zu Lieder-Seelen

Interpretation

Das Gedicht "Lieder-Seelen" von Conrad Ferdinand Meyer erzählt von einer nächtlichen Begegnung mit geheimnisvollen Wesen, die als "süße Gespenster" beschrieben werden. Der Sprecher wird in einer Nacht, in der die Bäume mit Blüten bedeckt sind, von diesen Wesen erschreckt, die sich im Garten zu einem Reigen formieren. Die Szenerie wird durch poetische Bilder wie "zarter Elfen Chor" und "weißer, lebendiger Schimmer" lebendig und verleiht der Atmosphäre eine traumhafte, fast mystische Qualität. Die Gespenster offenbaren sich dem Sprecher als Verkörperungen verschiedener flüchtiger und vergänglicher Momente des Lebens. Sie nennen sich selbst als "Wölkchen, gespiegelt im See", "Reihe von Stapfen im Schnee", "Seufzer gen Himmel empor", "Geheimnis, geflüstert ins Ohr", "frommes, gestorbenes Kind" und "üppiges Blumengewind". Diese Beschreibungen verweisen auf die Vergänglichkeit und die Schönheit der Natur, aber auch auf menschliche Emotionen und Erfahrungen, die oft unausgesprochen bleiben. Im letzten Vers des Gedichts wird deutlich, dass diese "Lieder-Seelen" die Inspiration für künstlerisches Schaffen sind. Die Zeile "Und die du wählst, und der's beschied / Die Gunst der Stunde, die wird ein Lied" deutet an, dass der Dichter aus diesen vergänglichen Momenten und Erfahrungen ein Lied oder Gedicht formen wird. Das Gedicht reflektiert somit den kreativen Prozess, bei dem flüchtige Eindrücke und Emotionen in Kunst verwandelt werden.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Anapher
Ich bin ein Wölkchen, ich bin eine Reihe, ich bin ein Seufzer, ich bin ein Geheimnis, ich bin ein frommes
Enjambement
Und die du wählst, und der's beschied / Die Gunst der Stunde, die wird ein Lied
Metapher
Ein weißer, lebendiger Schimmer
Personifikation
Ein Reigen schwang im Garten sich
Symbolik
Wölkchen, Stapel im Schnee, Seufzer, Geheimnis, frommes Kind, Blumengewind