Lieder eines Gefangenen
1889I.
Sie sagen mir, daß alle Fluren Voll bunter Blumen prangend stehn, Und daß im Hain auf allen Spuren Des Frühlings süße Düfte wehn.
Sie künden mir von Vogelsängen, Die draußen in der lichten Welt Aus jeder Brust sich jubelnd drängen, Weil Lieb′ und Glück die Herzen schwellt!
Ich aber, — ich! . . An Eisenstäben Erprob′ ich meine junge Kraft Und horche, wie die Gitter beben, Bis mir mein müder Arm erschlafft!
Und mit verweinten, trüben Augen Vermag ich kaum das Sonnenlicht Tief in mein zornig Herz zu saugen, Das von der Menschheit Jammer spricht! . .
Ja, spotte nur vor′m Fenster draußen, Du kleines, fröhlich Vögelein: Frei dürft in Wald und Flur ihr hausen, — Wir aber müssen Sklaven sein! II.
Nun hätte schon das Grün begonnen, Zu lassen seinen frischen Glanz, Und nach des Lenzes sel′gen Wonnen Verwelke schon manch′ bunter Kranz.
Und bei dem Drang der Aelternsorgen Verstumme manch′ ein Vöglein schon: Beim Abendsang, am frühen Morgen, Es fehle da schon mancher Ton.
So hört′ ich von des Frühlings Grabe Die trübe Kunde zu mir gehen, — Es stockt das Blut! . . O Gott! ich habe Nicht Blume und nicht Blatt gesehn! . .
In jeder Nacht, an jedem Tage Hab′ nach den Knospen ich gefragt Und wie der Baum die Blüthen trage, — Nun hat Natur sie schon beklagt!
Weil meines Herzens feurig Streben Der Menschheit höchstem Glücke galt, Und für ein wahres, würdig Leben Begeistert mir das Blut gewallt,
Ja, weil mein Herz mit frischen Schlägen Dem Lenz, an den es fest geglaubt, Auf Sturmesflügeln flog entgegen: — Drum hat man mir den Lenz geraubt! . .
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Interpretation
Das Gedicht "Lieder eines Gefangenen" von Max Vogler beschreibt die Gefühlswelt eines inhaftierten Menschen, der von der Freiheit und Schönheit der Natur ausgeschlossen ist. Der Gefangene erfährt durch andere von der Pracht des Frühlings, den blühenden Wiesen und den Vogelgesängen, die ihn jedoch nur noch mehr an seine eigene Gefangenschaft erinnern. Er versucht, seine Kraft an den Gitterstäben zu messen und sehnt sich danach, die Sonne in sein Herz zu saugen, das voller Zorn und Jammer ist. Der Gefangene fühlt sich wie ein Sklave, während die Vögel frei im Wald und in der Flur hausen können. Im zweiten Teil des Gedichts wird deutlich, dass der Gefangene den Frühling verpasst hat, da er in seiner Zelle gefangen war. Er erfährt von anderen, dass der Frühling bereits vorbei ist und die Natur bereits wieder in den Herbst übergeht. Der Gefangene ist entsetzt, dass er die Blüten und Blätter nicht gesehen hat und fragt sich, ob die Natur sie bereits beklagt. Er erkennt, dass sein leidenschaftliches Streben nach dem höchsten Glück der Menschheit und einem würdigen Leben dazu geführt hat, dass ihm der Frühling geraubt wurde. Der Gefangene fühlt sich von der Natur und der Gesellschaft verlassen und sehnt sich nach Freiheit und Schönheit.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Und wie der Baum die Blüthen trage
- Hyperbel
- Auf Sturmesflügeln flog entgegen
- Metapher
- Dem Lenz, an den es fest geglaubt
- Personifikation
- Begeistert mir das Blut gewallt