Lieder des Römischen Carnevals - Zweites Lied
1893Siehe doch die Stadt der Gräber In bacchantischer Entzückung! Rom verjüngt sich, Kindertage Lebt es wieder, und ich folgte Nicht dem Strome dieser Freude, Die in allen Straßen wüthet, Würfe keinen Feuerbrand In die allgemeine Flamme?
Einsam stehn die alten Tempel Um den Palatin, verlassen Von dem mächtigen Geschlechte, Das sie einst verehrt, verlassen Von der Mitwelt selbst; dem Corso Wälzt aus dem Vulkan der Freude Sich die wilde Strömung zu, Schwellend durch gedrängte Gassen.
Drum hinweg mit Ernst und Trauer, Selbst den ehrbarsten Gedanken Nennt man heut′ nur Grille; laßt mich Frisch ins taumelnde Gewimmel, Frisch ins brausende Gewoge; Wie man sonst der Narren lachte, Lacht man heut′ mit vollem Recht Eines trockenen Verständ′gen!
Fürchte nur, dich zu verlieren; Wie im Meer ein Regentropfen, So vergehst du hier, und keiner Fragt nach deinem Rang und Wissen, Aller Bande der Gewohnheit Ist der Mensch nun los, die Willkür Wird Gesetz, und lüstet dich′s, Kannst du auf dem Kopfe gehen.
Armuth gibt′s nicht mehr und Reichthum. Eine Maske deckt sie beide, Und geduldig nimmst du jeden, Wie er scheint; Gesicht und Hülle, Wort und die Geberde tauschen Die Geschlechter selbst, das Alter Lächelt dich in Locken an, Und die Jugend geht an Krücken.
Was die Welt im Ernst getrieben, Und was Geist und Hand beschäftigt, Nur zum Scheine, nur zum Scherze Trägt man Alles dir vor Augen, Hier der Gärtner seine Blumen, Der Gelehrte seine Bücher, Seine Medicin der Arzt, Und der Landmann seine Früchte.
Aus der Erde fernsten Strecken Kommen bunte Völkertrachten, Mahomskinder, Mohrenprinzen, Aethiopische Gesichter, Und um ganz dich zu verwirren, Schickt das Reich der Fabel Gnomen; Widerstehe, wenn du kannst, Allerliebsten jungen Feen.
Von den fliehenden Gestalten Glückt es keine dir zu fesseln; Diese möchtest du verfolgen, Jene lockt dich an. Vergebens! Wesenlose Schattenbilder, Schwinden sie hinweg, gehören Nur sich selber an, und du Bist allein zurückgeblieben.
Und des eignen Lebens denk′ ich, Jener Zeit, da ihre Bilder Mir die Welt, und seine Tiefen Das Gemüth, da mir die Menschheit Ihre Thaten aufgeschlossen, Da vom Reiche der Lebend′gen So viel herrliches sich stolz Im Gemüthe mir gesammelt.
Da der Mensch und alle Dinge So phantastisch noch im Dufte Mir erschienen, da sie alle Noch sich glichen, da die Masken Mich getäuscht, da ich nach allen Mit vermeßnem Wahn gegriffen, Und von tausenden mir nichts Als mein eignes Selbst geblieben.
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Interpretation
Das Gedicht "Lieder des Römischen Carnevals - Zweites Lied" von Wilhelm Friedrich Waiblinger beschreibt die ausgelassene Stimmung und das bunte Treiben während des Karnevals in Rom. Der Sprecher beobachtet die Stadt, die sich in einem Zustand der "bacchantischen Entzückung" befindet, wobei sich Rom verjüngt und in Kindertagen zurückversetzt fühlt. Er fragt sich, warum er nicht dem Strom der Freude folgen und einen "Feuerbrand" in die allgemeine Flamme werfen sollte. Der Sprecher beschreibt die verlassenen alten Tempel um den Palatin und den wilden Strom der Freude, der sich durch die Straßen wälzt. Er fordert dazu auf, Ernst und Trauer hinter sich zu lassen und sich in das taumelnde Gewimmel und das brausende Gewoge zu stürzen. In dieser ausgelassenen Atmosphäre gibt es keine Unterschiede mehr zwischen Arm und Reich, jung und alt, da alle durch Masken und Verkleidungen gleichgeschaltet sind. Die Welt und ihre Beschäftigungen werden zur Schau gestellt, jedoch nur zum Schein und als Scherz. Das Gedicht endet mit einem Rückblick des Sprechers auf sein eigenes Leben und seine Jugend, als die Welt und die Menschheit ihm noch phantastisch und geheimnisvoll erschienen. Er erinnert sich daran, wie er nach allem gegriffen hat, was ihm begegnete, und am Ende nur bei sich selbst geblieben ist. Das Gedicht vermittelt eine Stimmung der Ausgelassenheit, des Vergnügens und der Vergänglichkeit, die den Karneval und das Leben selbst charakterisieren.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- Aus der Erde fernsten Strecken kommen bunte Völkertrachten
- Metapher
- Und des eignen Lebens denk' ich
- Personifikation
- Rom verjüngt sich, Kindertage lebt es wieder
- Vergleich
- Wie im Meer ein Regentropfen, so vergehst du hier