Lieder des Römischen Carnevals - Viertes Lied

Wilhelm Friedrich Waiblinger

1893

Einen traurigen Gedanken, Siehe da, das Kind des Nordens! Doch wohlan, mit Pulcinella Lach′ ich schon, und der Doctoren Weisheit hör′ ich an, die Suada Eines Charlatans begeistert, Puterartig schreitet hier Auch der Graf in der Perrücke.

Doch ich werde rasch umfangen, Und mit hohem Federnhute, Schwarzem Antlitz, buntem Röckchen, Arlecchina mir zur Seite! »Sei willkommen, Freund, willkommen, Reiche mir den Arm!« - Wer bist du? - »Wer ich bin? Ei nun, damit Man′s nicht wisse, dient die Maske.«

Doch verrathen sie der Stimme Volle Nachtigallentöne, Und der Locken schwarze Wallung, Und am purpurnen Barette Der Begleiterin erkenn′ ich Deutlich sie; an beide Arme Hängen sie sich hüpfend an, Und ich muß geduldig folgen.

Manches art′ge Wörtchen flüstert Arlecchina nun dem Sänger Leis′ ins Ohr. Wir bleiben, sagt sie, Unzertrennlich jetzt beisammen! Laß uns durch den Corso wandeln, Bis der Pferdelauf vorüber, Dann wird uns, verstehst du wohl, Nunziata gleich verlassen!

Und der Sänger nun am Arme Solcher lieblichen Geschöpfe Fühlt, wer könnt′ es ihm verdenken, Saturnalisches Behagen! Hat er doch in all′ der Menge Nun das Seinige gefunden! Doch er fürchtet im Gewühl Unterm Volk es zu verlieren.

In der That, sie ist gar artig, Und wiewohl an seinem Arme, Reißt sie doch sich los und schüttelt Einen Mann, den er nicht kennet; Selbst Confetti soll er haben Und von Nunziata Blumen, Und der Sänger schauet zu, Denn wir sind im Carnevale.

Doch im frohen Schellenklange Kehren sie zurück, und lustig Hört im ungestümen Tacte Man das Tamburin erschallen Aus dem nahen Seitengäßchen. Schnell dahin! Die Masken fliegen, Arlecchina will′s, und ich Folge hübschen Kindern gerne.

Und im enggeschloss′nen Kreise Hüpfen halb zerlumpte Paare Dort im wilden Saltarello! Doch das heiße Blut geduldet Hier sich nicht, sie ziehn mich weiter, Auf und ab, nach allen Seiten, Bald begrüßend, bald begrüßt, In dem lärmenden Getümmel.

Und im letzten Scheine glühet In der Straße fernstem Grunde Schon das Capitol! Verschwunden Sind die rasselnden Carossen, Und das Töchterchen der Liebe Führt den Sänger leicht und tänzelnd Unterm fürstlichen Palast Zu bequemem, hohen Sitze.

Und man scherzt und duldet Scherze, Sitzt aufs traulichste beisammen, Und begegnende Bekannte Wirft man wohl noch mit Confetti, Bis die Straße schon geräumt ist; Alles wartet, Alles schaut, Bis es braust, und nun im Flug Rosse kommen und verschwinden.

Einen Gang noch, Arlecchina, Wenn′s auch dämmert, wenn die Sonne Längst vom Capitol gewichen! Unersättlich im Genusse Lernt im Süden man zu werden; Drum geschwärmt, bis uns das Brüllen Des Paino scheucht, und dann Auf den Ball und spät zur Ruhe.

Und zuweilen meines Lebens Denk′ ich da, der Wonnetage, Da ich endlich sie gefunden, Die ich mir so lang′ geträumet, In der Tracht des Ideales Mir die Liebende gefolget, Mir bestimmt, geboren schien, Für die Ewigkeit gegeben.

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Illustration zu Lieder des Römischen Carnevals - Viertes Lied

Interpretation

Das Gedicht "Lieder des Römischen Carnevals - Viertes Lied" von Wilhelm Friedrich Waiblinger beschreibt die Erfahrungen des Erzählers während des Karnevals in Rom. Der Erzähler, ein "Kind des Nordens", lässt sich von der ausgelassenen Stimmung und den Masken des Karnevals mitreißen und schließt sich einer Gruppe an, die von Arlecchina angeführt wird. Er genießt die Freiheit und das Vergnügen, das der Karneval bietet, und fühlt sich von der Liebe und der Leidenschaft, die er in dieser Atmosphäre findet, angezogen. Die Handlung des Gedichts folgt dem Erzähler, der sich durch die Straßen von Rom bewegt und verschiedene Charaktere trifft, darunter Pulcinella, einen Doktor und einen Grafen. Er wird von Arlecchina und ihrer Begleiterin in die Gruppe aufgenommen und begleitet sie durch den Corso, bis zum Pferdelauf. Der Erzähler genießt die Gesellschaft der beiden Frauen und fühlt sich von ihrer Schönheit und Anziehungskraft angezogen. Das Gedicht endet mit dem Erzähler, der an seine Vergangenheit denkt und an die Frau, die er gefunden hat, die er als seine ideale Liebe betrachtet. Er beschreibt sie als eine Frau, die ihm bestimmt und für die Ewigkeit gegeben zu sein scheint. Das Gedicht vermittelt eine Atmosphäre der Ausgelassenheit und des Vergnügens, die durch die Beschreibung des Karnevals und der Liebe des Erzählers zu Arlecchina und ihrer Begleiterin entsteht.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Schwarzem Antlitz, buntem Röckchen
Anapher
Und der Sänger nun am Arme Solcher lieblichen Geschöpfe Fühlt, wer könnt es ihm verdenken, Saturnalisches Behagen! Hat er doch in all der Menge Nun das Seinige gefunden!
Hyperbel
Unersättlich im Genusse Lernt im Süden man zu werden
Metapher
Und der Sänger nun am Arme Solcher lieblichen Geschöpfe Fühlt, wer könnt es ihm verdenken, Saturnalisches Behagen!
Personifikation
Doch im frohen Schellenklange Kehren sie zurück
Symbolik
Und im letzten Scheine glühet In der Straße fernstem Grunde Schon das Capitol!
Vergleich
Nicht explizit vorhanden