Lieder des Römischen Carnevals - Siebentes Lied

Wilhelm Friedrich Waiblinger

1893

Nicht ermüden und ermatten, Auch wenn kaum ein Stündchen Schlummer Gegen Morgen dich erquicket! So die lustige Gefährtin, Heut′ am letzten Freudentage Mir als trefflicher Paino, Fein in schwarzem Kleid und Hut Und im Busenstrich erscheinend.

Heut′ am allerletzten Tage Sollte man nicht ausgelassen, Gleich dem Faune, gleich dem Satyr, Eine tolle Nymph′ im Arme, Jubelnd seinen Thyrsus schwingen? Und warum nicht? Rennt mit Hörnern, Pferdefuß, in schwarz und roth Lucifer nicht im Gedränge?

Wie man von dem Liebchen scheidend, Noch in Einem langen Kusse Wonn′ und Lust auf ewig trinken, Trost für immer saugen möchte, Wie dem Vaterland entwandernd, Wo man Kind war, wo man liebte, Man des Lebewohls Moment Gerne noch verlängern möchte:

So das wilde Rom, man taumelt Unter Taumelnden; es regnet Heut′ zum letzten Male Blumen Auf ein glücklich Volk, und Zucker. Goldne Tage des Saturnus Lebt man noch; es wäre Fabel, Und so viele tausend Frau′n Predigen die holde Wahrheit?

Doch es neigt sich schon die Sonne, Schon erbraust es in der Menge, Meilenweit vom Obeliskus Bis zum Capitol - sie kommen - Nein! sie fliegen - kaum vernimmst du Ihren Hufschlag - Alles jubelt Barberi - du schaust und sieh, Längst sind alle schon verschwunden.

Wie ersehnt steigt jetzt die Dämm′rung Von den mächtigen Palästen Nieder in die tiefe Straße. Noch ein Stündchen, Kind der Liebe, Doch das köstlichste der Erde! Nimm′ dir einen Sitz, ein Lichtchen, Denn dem Weibe ziemt ein Licht, Und dem Manne ziemt′s zu löschen.

Und schon flammet nah′ und ferne Von Balkonen und von Fenstern, Aus Carossen, von den Sitzen In unzählbar vielen Händen Durch den Nachtduft ein beweglich Muntres Heer von kleinen Feuern, Und ein neuer Zaubertag Hebt nun an, dem Fest zu leuchten.

Welch ein übersinnlich Märchen, Wie man′s oft von leichten Sylphen, Gnomen und von Salamandern, Nächtlich einem Kind erzählet! Welche Welt von schönen Mädchen, Welche Schaaren kecker Schalken, Wie das holde Farbenreich Aus dem Dunkel sich entfaltet.

Wie die Lichter wehn und flattern, Und gewandte schnelle Springer Nach dem hast′gen Flämmchen haschen; Wie sie hüpfen, wie sie schlagen, Wie manch bunte Feengruppe Plötzlich in die Nacht versinket, Und ein Schelm, des Sieges froh, Im Gewimmel sich verlieret!

Wie sie auf die Wagen klettern, Und von oben her geschwinde Wie der Wind ein Licht verlöschen; Wie sie schleichen, wie sie lauschen, Durchs Gedränge schalkhaft schlüpfen, Geistern oder Dieben ähnlich, Erst nur still, dann mit Geschrei Und mit Hohngelächter necken!

Wie der Tod des Carnevales Mit einstimmigem Gebrülle Sinnbetäubend aus den Kehlen Eines Volkes sich verkündet, Unterm dumpfen Klaggesange Dieser Moccoli Erlöschen Aller Freuden Ende schon Und die Trauerzeit bedeutet.

Noch erglüht und flammt und zittert In der farbigen Bewegung Im phantastischzarten Spiele Roms erneute Pracht, da löschen Sich allmählich alle Lichter, Und die Zauberwelt verschwindet, Die gestaltenlose Nacht Folget, wie der Tod dem Leben.

Und des eignen Daseins denk′ ich Mehr als je, da mir so frühe Das Verhängniß meiner Jugend, Meiner Liebe, meiner Hoffnung Süße Märchenwelt zerstörte, So viel Schönes und Geliebtes, So viel Flammen, so viel Lust In den Ernst der Nacht versunken.

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Illustration zu Lieder des Römischen Carnevals - Siebentes Lied

Interpretation

Das Gedicht "Lieder des Römischen Carnevals - Siebentes Lied" von Wilhelm Friedrich Waiblinger schildert die ausgelassene und sinnliche Atmosphäre des letzten Tages des römischen Karnevals. Der Erzähler beschreibt die nächtlichen Feierlichkeiten, bei denen sich die Menschen in Masken und Kostümen verkleiden, um gemeinsam zu tanzen, zu trinken und sich zu vergnügen. Die Stimmung ist von Lust, Freude und Leichtigkeit geprägt, wobei auch erotische Anspielungen nicht fehlen. Im zweiten Teil des Gedichts beschreibt Waiblinger die einzigartige Tradition der "Moccoli", bei der die Menschen kleine Kerzen oder Fackeln entzünden und durch die nächtlichen Straßen Roms tragen. Dies erzeugt eine magische und märchenhafte Atmosphäre, in der sich die Feiernden spielerisch um die Lichter "balgen" und versuchen, einander die Flammen auszublasen. Der Dichter vergleicht diese Szene mit einer Welt aus Feen und Kobolden, die aus dem Dunkel hervortreten und ein buntes Farbenspiel erzeugen. Im letzten Teil des Gedichts wird die "Moccoli"-Tradition zum Symbol für das Ende des Karnevals und den Einbruch der Fastenzeit. Mit einem kollektiven "Todesruf" werden alle Lichter gelöscht, was das Ende der ausgelassenen Feierlichkeiten und den Beginn einer ernsteren, traurigeren Zeit symbolisiert. Der Erzähler zieht eine Parallele zu seinem eigenen Leben, in dem die schönen und leidenschaftlichen Momente seiner Jugend und Liebe durch das Schicksal zerstört wurden und in der Dunkelheit der Nacht versanken. Das Gedicht endet mit einem melancholischen Nachklang, der die Vergänglichkeit aller schönen Dinge betont.

Schlüsselwörter

heut kind nacht viel kaum stündchen letzten tage

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Stilmittel

Alliteration
Rennt mit Hörnern, / Pferdefuß, in schwarz und roth
Anspielung
Goldne Tage des Saturnus / Lebt man noch; es wäre Fabel
Bildsprache
Und schon flammet nah′ und ferne / Von Balkonen und von Fenstern, / Aus Carossen, von den Sitzen / In unzählbar vielen Händen / Durch den Nachtduft ein beweglich / Muntres Heer von kleinen Feuern
Enjambement
Nicht ermüden und ermatten, / Auch wenn kaum ein Stündchen Schlummer / Gegen Morgen dich erquicket!
Hyperbel
Und warum nicht? Rennt mit Hörnern, / Pferdefuß, in schwarz und roth / Lucifer nicht im Gedränge?
Kontrast
Und des eignen Daseins denk′ ich / Mehr als je, da mir so frühe / Das Verhängniß meiner Jugend, / Meiner Liebe, meiner Hoffnung / Süße Märchenwelt zerstörte
Metapher
Und des eignen Daseins denk′ ich / Mehr als je, da mir so frühe / Das Verhängniß meiner Jugend, / Meiner Liebe, meiner Hoffnung / Süße Märchenwelt zerstörte
Personifikation
Und des eignen Daseins denk′ ich / Mehr als je, da mir so frühe / Das Verhängniß meiner Jugend, / Meiner Liebe, meiner Hoffnung / Süße Märchenwelt zerstörte
Symbolik
Wie der Tod des Carnevales / Mit einstimmigem Gebrülle / Sinnbetäubend aus den Kehlen / Eines Volkes sich verkündet
Vergleich
Wie man von dem Liebchen scheidend, / Noch in Einem langen Kusse / Wonn′ und Lust auf ewig trinken